Netzwerk fordert Ausweitung des inklusiven Unterrichts

„Es geht um Teilhabe an der Gesellschaft“

Hanau - Fünf Kinder mit Behinderung lernen pro Klasse an der Sophie-Scholl-Grundschule gemeinsam mit Kindern ohne Einschränkungen. Die Privatschule, die vom Behindertenwerk Main-Kinzig (BWMK) getragen wird, ist Hanaus einzige inclusive Schule. Doch dieser inklusive Unterricht im Klassenverband geht nur bis zum vierten Schuljahr. Von Steffen Müller

Nach der Grundschule gibt es für Kinder mit Einschränkungen keine Möglichkeit mehr, weiterhin gemeinsam mit behinderten und nichtbehinderten Schulkameraden im Klassenverband an einer Regelschule zu lernen. Das will das neu gegründete Netzwerk Inklusion Main-Kinzig ändern. Was sich die Gründerinnen von dem Netzwerk erhoffen, erzählen sie in unserer Serie „Hürden im Alltag“. Die Zeit läuft. Im Sommer 2017 wird Lena Brand die vierte Klasse der Sophie-Scholl-Grundschule absolviert haben. Auf welche weiterführende Schule das neunjährige Mädchen dann gehen wird, steht in den Sternen. Lena lebt mit Trisomie 21, dem so genannten Down-Syndrom. Mit Lena verlassen neun weitere Kinder mit einer Behinderung die inklusive Grundschule.

Der Lehrplan an inklusiven Schulen sieht für die gesamte Klasse die gleichen Themenschwerpunkte vor. Allerdings werden den Schülern gemäß ihren Fähigkeiten unterschiedliche Aufgaben und Materialien gestellt. In einer Klasse sind meist mehrere Lehrer oder Betreuungspersonen parallel anwesend, die beim Unterrichten die Stärken und Schwächen der Schüler beachten. Zwar besteht für Kinder mit Behinderung die Möglichkeit, auch ab der fünften Klasse an einer Regelschule gemeinsam mit Schülern ohne Behinderung unterrichtet zu werden. Mehr als ein Kind mit einer Einschränkung befindet sich aber nie in einer Klasse einer Regelschule.

Auch sie wollen mit ihrem Netzwerk Inklusion Hürden im Alltag überwinden: Silvia Brand und Jeanette de Sousa.

Dies soll sich ändern, geht es nach Lenas Mutter Silvia Brand und Jeanette de Sousa, deren Sohn Maceo bald in die 3. Klasse der Sophie-Scholl-Schule kommt. Auch er hat das Down-Syndrom. Die beiden Frauen setzen sich dafür ein, dass in Hanau oder der näheren Umgebung inklusiver Unterricht auch an einer weiterführenden Regelschule angeboten wird, in der mehrere Kinder mit Behinderung gemeinsam in einer Klasse mit Mitschülern ohne Einschränkungen sind. Den beiden Frauen schwebt vor, dass drei bis fünf Kinder mit Handicap in einer Klasse an einer weiterführenden Schule inklusiv beschult werden, und das möglichst an einer staatlichen Schule. „Es wäre sehr wichtig, wenn unsere Kinder auch an einer weiterführenden Regelschule gemeinsam unterrichtet werden könnten“, meint de Sousa und erklärt, dass es dabei letztlich um Teilhabe für behinderte Menschen gehe, darum, dass sie mitten in der Gesellschaft leben und beschult werden. „Denn es sollte keine Besonderheit sein, anders zu sein,“ so de Sousa.

Netzwerk Inklusion Main-Kinzig gegründet

Um den Wunsch nach einer inklusiven weiterführenden Regelschule ab Klasse 5 zu verwirklichen, haben Silvia Brand und Jeanette de Sousa das Netzwerk Inklusion Main-Kinzig gegründet. Nach dem Vorbild des Netzwerk Inklusion Frankfurt und dem Netzwerk Inklusion Offenbach möchten das Netzwerk Vereine, Initiativen, Organisationen, Mitarbeiter von Kreis und Stadt sowie Einzelpersonen, die die Inklusion im Main-Kinzig-Kreis voranbringen wollen, zusammenbringen, um Erfahrungen und Informationen zu Angeboten und Veranstaltungen auszutauschen.

Noch steckt das Netzwerk Inklusion Main-Kinzig in den Kinderschuhen. Rund 20 Menschen engagieren sich bisher, hauptsächlich Eltern von der Sophie-Scholl-Schule. Einige der Eltern haben keine Kinder mit Behinderung, wünschen sich aber, dass ihr Nachwuchs weiter in einer Inklusionsklasse bleibt. „Die Eltern schätzen die intensive Förderung und Methodenvielfalt. Auch Kinder ohne Behinderung werden individuell betreut“, so de Sousa. „Jetzt kommt die Zeit, in der man handeln muss,“ sagt Silvia Brand. Ab Sommer 2017 werden jedes Jahr zehn Kinder mit Behinderung die Sophie-Scholl-Schule verlassen, parallel kommen dazu aus den Regelgrundschulen weitere inklusiv zu beschulende Kinder auf die weiterführenden Schulen zu.

Dass Hanau und der Main- Kinzig-Kreis seit letztem Jahr zur Modellregionen Inklusion gehören, die sich für mehr inklusiven Unterricht einsetzt, sei bereits ein wichtiger Schritt. Beide Mütter sind optimistisch, das Ziel 2017 zu erreichen. „Wir sind in Gesprächen mit dem staatlichen Schulamt und der Stadt. Es geht in die richtige Richtung.“ Auch Hanaus Stadtrat und Schuldezernent Axel Weiss-Thiel (SPD) begrüßt diese Form des Unterrichts und bestätigt Gespräche mit den Schulen und dem Schulamt. Letztlich sei es jedoch eine Entscheidung, die das Land in Absprache mit den Schulen treffen müsse.

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