Kosten für gehörlose Elfjährige

Schulbesuch mit Gebärdendolmetscher

Main-Kinzig-Kreis - Ein gehörloses Mädchen aus dem Main-Kinzig-Kreis wünscht sich nichts mehr, als mit ihren Freunden gemeinsam in eine Schule gehen zu können. Doch dabei gibt es Probleme. Von Andreas Ziegert 

Das Landessozialgericht hat vor drei Monaten entschieden, dass der Main-Kinzig-Kreis die Kosten für die Gebärdensprachdolmetscher während der Grundschulzeit nachträglich übernehmen muss. Jetzt will das Kind aufs Gymnasium. Der Rechtsstreit geht offenbar weiter. Die Kreisverwaltung will sich dazu nicht äußern. Klara (Name geändert) ist elf Jahre alt. Die vierte Klasse hat sie mit einem Notenschnitt von 1,3 abgeschlossen und will ab September auf ein Gymnasium gehen. Das Mädchen unterscheidet sich nur in einem Punkt von ihren Freunden: Sie kann nicht hören.

Als Klara drei Jahre alt war, stellte ein Kinderarzt fest, dass sie taub ist. Karin Kestner lernte das Mädchen damals kennen, sie ist Gebärdensprachdolmetscherin. Seit inzwischen acht Jahren kämpft sie mit den Eltern um die Rechte von Klara.

Operativer Eingriff abgelehnt

Medizinisch hätte dem Kind möglicherweise mit einer Hörprothese (Cochlea-Implantat) geholfen werden können, allerdings lehnten die Eltern diesen operativen Eingriff ab. Die Verwaltung des Main-Kinzig-Kreises befürwortete hingegen eine Implantation, weil sich das Kind ansonsten dauerhaft nur in Gebärdensprache verständlich machen könne. „Das Wunsch- und Wahlrecht der Erziehungsberechtigten findet dort seine Grenze, wo dies mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden sei“, heißt es von Seiten des kreises. Karin Kestner steht der Hörprothese kritisch gegenüber. „Ich kenne viele schlimme Verläufe, von tödlichen Hirnhautentzündungen bis bakteriellen Infektionen.“ Sie hat Verständnis dafür, dass die Eltern dieses Risiko nicht eingehen wollten. „Die Kreisverwaltung wolle einfach die Kosten für die Dolmetscher sparen, meint sie.

Einen Hausgebärdensprachkurs bekam Klara schließlich doch zugesprochen, einmal in der Woche übte eine Dolmetscherin mit ihr. Die Kosten übernahm der Kreis. Auch ihre Eltern und ihre Schwester lernten die Gebärdensprache. Klara müsste zudem während der Schulzeit von einem Gebärdensprachdolmetscher begleitet werden, der den kompletten Unterricht übersetzt. Die Eltern stellten einen Antrag zur Übernahme der Kosten in Höhe von 480 Euro pro Tag beim Main-Kinzig-Kreis als Sozialträger. Die Kreisverwaltung lehnte die Maßnahme unter anderem wegen fehlender Mitwirkung der Eltern ab. Und: Bei einer Schulzeit von 13 Jahren bis zum Abitur entstünden Kosten von zirka einer Million Euro, daher sei der Kreis „nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet zu prüfen, ob andere kostengünstigere Maßnahmen zur Verfügung stünden“. Klara sollte deshalb auf die Förderschule für Hörgeschädigte in Friedberg gehen.

Kosten für den Dolmetscher

Aber Klara besuchte die Grundschule in ihrem Wohnort. Die Kosten für den Dolmetscher musste aufgrund einer einstweiligen Anordnung des Sozialgerichts zunächst der Kreis zahlen. Kestner: „Die Eltern gingen damit ein enormes Risiko ein, bei einer Niederlage im Hauptverfahren hätten sie das nachträglich übernehmen müssen.“ Anschließend begann ein fast vierjähriger Prozessmarathon. Er endete damit, dass der Main-Kinzig-Kreis die Dolmetscherkosten für Klaras Grundschulzeit übernehmen muss.

Klara wird nun nach den Ferien auf ein Gymnaisum gehen. Wieder haben ihre Eltern beim Main-Kinzig-Kreis einen Antrag auf Kostenübernahme für die Dolmetscher gestellt. Eine Antwort stehe noch aus , heißt es. Die Eltern rechnen wieder mit einer juristischen Auseinandersetzung. Außerdem haben sie den Main-Kinzig-Kreis verklagt, weil die Dolmetscher nicht nach den Stundensätzen des Justizvergütungsgesetzes bezahlt worden seien und somit ein Fehlbetrag von 17 000 Euro aufgelaufen sei.

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