Verletzte Familienehre

Schwangere erstochen: Bruder gesteht Bluttat

Hanau - Ein 22-jähriger Syrer hat nach eigenen Angaben seine schwangere Schwester erstochen. Sein Motiv soll die vermeintlich verletzte Familienehre gewesen sein. Das verheiratete Opfer soll eine Affäre gehabt haben.

Rund acht Monate nach einer blutigen Familientragödie in Hanau hat ein Syrer gestanden, seine schwangere Schwester erstochen zu haben. Der wegen Totschlags angeklagte 22-Jährige räumte die Tat am Donnerstag zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Hanau ein. Hintergrund soll eine angeblich verletzte Familienehre gewesen sein. Über seinen Anwalt teilte der Angeklagte mit, ihm seien bei dem Streit in der Wohnung seiner Schwester und deren Ehemann die Sicherungen durchgeknallt. An Einzelheiten könne er sich nicht erinnern. Der 30-Jährigen soll ihr Ehemann zuvor vorgehalten haben, eine Liebesbeziehung mit einem in Ägypten wohnenden Mann gehabt zu haben. Ihm soll sie Dutzende Sexvideos von sich geschickt haben, wie der Angeklagte erklärte. Darüber kam es am 7. Januar zum Streit in der Wohnung des Paares. Der 22-Jährige und sein älterer Bruder (26) prügelten deswegen der Staatsanwaltshaft zufolge auf das Paar ein. Der Ehemann, der sich nach eigener Aussage von der 30-Jährigen trennen wollte, wurde dabei verletzt. Er hatte aus Wut über die Affäre seiner Frau damit gedroht, die Sache mit den Sexvideos öffentlich zu machen.

Die Frau flüchtete bei der handgreiflichen Auseinandersetzung ins Treppenhaus. Dort wurde sie laut Anklage mit 15 Messerstichen von ihrem jüngeren Bruder getötet. Dabei sei auch das etwa 23 Wochen alte Kind der Schwangeren gestorben. Der Ehemann habe weitgehend unbehelligt von den Messerattacken in die Wohnung eines Nachbarn fliehen können. Der ältere Bruder des Messerstechers ist angeklagt wegen Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung, weil er seine Schwester noch röchelnd im Treppenhaus vorgefunden habe. Die Brüder waren nach der Bluttat geflohen und in einem Taxi nahe Trier an einer Straßensperre widerstandslos festgenommen worden, wie die Staatsanwaltschaft berichtete. Auf dem Handy des älteren Bruders seien bei der Ergreifung Kinderporno-Bilder sichergestellt worden. Auch dies ist in Hanau angeklagt.

Die wichtigsten Notruf-Nummern

Einer Studie des Bundeskriminalamtes zufolge ist eine unerwünschte Liebesbeziehung meist Auslöser für Tötungsdelikte aus vermeintlich verletzter Ehre. In einer Gesellschaft, in der individuelle Freiheit wenig, die Familie aber alles bedeute, seien oft mehrere Verwandte involviert, erklären Fachleute. Laut Amnesty International kommen solche Verbrechen vor allem in islamischen Ländern vor. Hinter den Verbrechen stecken laut der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes meist keine religiösen Motive. Ursache sei das patriarchalische - also männlich dominierte - Denken der Täter, die Frauen als Besitz betrachteten. Weicht die Frau von den althergebrachten Normen ab, gilt der Mann als "Opfer", denn er hat seine angebliche Ehre verloren. Im Extremfall kommt es zum Mord. dpa

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