Integration von Anfang an

Sozialminister Grüttner besucht Erstaufnahmeeinrichtung

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Lehrer Uli Tomaschowski gibt hauptamtlich Deutschunterricht in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung Hanau. Kinder, Jugendliche und Erwachsene lernen bei ihm gemeinsam. Das ist durchaus eine pädagogische Herausforderung, aber die geballte Aufmerksamkeit seiner „Schüler“ ist ihm gewiss.

Hanau - Zeit hat er keine verschwendet, der junge Eritreer: Erst vorgestern ist er zusammen mit knapp 300 anderen Flüchtlingen, die im Laufe der Woche aus einer Frankfurter Flüchtlingsunterkunft nach Hanau verlegt wurden, in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung (HEA) in der Sportfield Housing angekommen. Von Dirk Iding

Und gestern saß er bereits im Deutschunterricht. Integration von Anfang an, das ist eines der Leitmotive für die Arbeit der haupt- und ehrenamtlichen Helfer in der von der Johanniter Unfallhilfe im Auftrag des Landes Hessen betriebenen Erstaufnahmeeinrichtung auf dem ehemals amerikanischen Kasernengelände im Stadtteil Wolfgang, in der zur Zeit 561 Flüchtlinge untergebracht sind. Davon konnte sich gestern auch Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) bei einem Besuch der Einrichtung ein Bild machen. Und der zeigte sich nach einem Rundgang durch die Schulräume der ehemaligen Elementary School, in der haupt- und ehrenamtliche Lehrkräfte Alphabetisierungs-, Sprach-, Computer- und Rechtsstaatskurse anbieten, sichtlich angetan: „Es ist beeindruckend zu sehen, was hier umgesetzt wird, um Menschen, die gewiss nicht freiwillig ihre Heimat verlassen haben, erste Schritte zur Integration zu ermöglichen.“

Im Kinderhort der HEA Hanau hängt dieses Bild.

Aber in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung Hanau würden die Verantwortlichen gerne noch mehr tun. Doch da stößt man wegen der großen Nachfrage auf Seiten der Flüchtlinge nach Schulungs- und Beschäftigungsangeboten an räumliche Grenzen. Denn zwölf im ersten Stock der ehemaligen Elementary School gelegene Unterrichtsräume können aus Gründen mangelnden Brandschutzes bislang noch nicht genutzt werden. Es fehlt an Fluchtwegen und einer Rauchmeldeanlage. „Wir hoffen sehr, dass das Land hier nachbessert, damit auch diese dringend benötigten Klassenräume genutzt werden können“, sagt Projektkoordinator Flüchtlingshilfe der Johanniter-Unfall-Hilfe Dr. Benjamin Bieber.

Das wäre auch die Voraussetzung dafür, dass mehr Flüchtlinge aus der benachbarten kommunalen Flüchtlingsunterkunft der Stadt Hanau ortsnah an Schulungs- und Beschäftigungsangeboten teilnehmen könnten. Auf der anderen Seite des Zauns, der die beiden Flüchtlingsunterkünfte trennt, leben zur Zeit 656 Asylsuchende. Erste gemeinsame Lernangebote für Flüchtlinge aus beiden Einrichtungen gibt es bereits. „Aber wir würden das gerne weiter ausbauen, weil wir mit der Elementary School hier eigentlich ideale Voraussetzungen dafür haben“, meint Bieber.

Seit knapp einem Jahr ist die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen auf Sportfield Housing nun in Betrieb. In Hochzeiten waren dort fast 1 000 Flüchtlinge untergebracht, nach der demnächst abgeschlossenen Ertüchtigung weiterer Wohnblocks könnten dort sogar bis zu knapp 1 700 Flüchtlinge Unterkunft finden. Doch davon ist man mit aktuell 561 Flüchtlingen weit entfernt.

Flüchtlingsunterkunft: Eindrücke aus der Schärttner-Halle

Und so ist die Situation in der Erstaufnahmeeinrichtung auch nicht mehr vergleichbar mit der von vor knapp zwölf Monaten, als auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise die Unterkunft binnen weniger Tage in einem gewaltigen Kraftakt in Betrieb genommen werden musste. Alles hat sich seitdem entspannt, die Abläufe haben sich eingespielt, auf dem weitläufigen Gelände herrscht eine absolut friedliche Atmosphäre. „Zur wirklich nennenswerten Auseinandersetzungen ist es hier zu keinem Zeitpunkt gekommen,“ wird von Seiten der Johanniter Unfallhilfe versichert.

Aus Spenden finanziert ist die Ausstattung des Computerraums, in dem nicht nur Kinder und Jugendliche mit Hilfe spezieller Programme lernen können.

Dazu mag auch die überall sichtbare Präsenz von Sicherheitspersonal beitragen, aber wohl vor allem, dass den Flüchtlingen von Anfang an zahlreiche Schulungs- und Beschäftigungsangebote, durchgehend von montags bis freitags, gemacht werden. Von den Flüchtlingen, die durchschnittlich rund sechs Monate in der Erstaufnahmeeinrichtung bleiben, ehe sie auf hessische Kommunen weiterverteilt werden, ist keiner zum Nichtstun verdammt.

Dabei ist es ein Prinzip, dass bei den Schulungsangeboten weder nach Alter noch nach Herkunft oder Geschlecht getrennt wird: „Alle lernen hier gemeinsam und bekommen so auch vermittelt, dass in unserer Gesellschaft Gleichberechtigung gilt“, so Bieber. An den Wänden der Schulungsräume sind Plakate zu finden, auf denen in verschiedenen Sprachen auf die hier geltenden Werte und Regeln hingewiesen wird. Auch Auszüge des Deutschen Grundgesetzes liegen in zahlreichen Sprachen aus. Und kürzlich hat sogar die Präsidentin des Hanauer Landgerichts, Susanne Wetzel, Flüchtlingen in der Erstaufnahme Rechtsstaatskunde erteilt. „Der Kurs war voll,“ sieht Bieber auch darin ein Beispiel dafür, dass die weitaus meisten Flüchtlinge bereit zur Integration sind, „wir müssen ihnen nur die dafür passenden Angebote machen“.

Bilder: Weitere Flüchtlinge in Schärttner-Halle gebracht

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