Zugkräftiger Eisbrecher

Spektakulärer Hilfseinsatz für festgefahrenen Frachter

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Der am frühen Morgen kurz nach der Ausfahrt aus dem Hanauer Hafen havarierte holländische Frachter Dependant ist wieder frei und wird zurückgeschleppt. Der Kapitän war vor dem Unfall mit dem 80-Meter-Schiff von der Fahrrinne abgekommen und steuerte den Frachter auf Grund.

Hanau -  Sechseinhalb Stunden nachdem die holländische Dependant gestern auf Grund gelaufen war, fuhr der 80 Meter lange Frachter wieder in den sicheren Hanauer Hafen ein. Von Christian Spindler 

Dazwischen lag ein spektakulärer Großeinsatz unter anderem von Feuerwehr, Wasserschutzpolizei und einem schweren Eisbrecher, um den Havaristen wieder flott zu bekommen. „Das Schiff liegt relativ stabil“, sagt Markus Doose, Vize-Chef der Hanauer Feuerwehr, bei einer improvisierten Pressekonferenz an der Saarstraße um kurz nach 11.30 Uhr. Eine Nachricht, die hoffen lässt, dass die Havarie der Dependant glimpflich ausgeht. Seit fünf Stunden liegt der Frachter, der 1130 Tonnen Gipsbindemittel geladen hat, mit leichter Schlagseite auf dem felsigen Grund einen Steinwurf vom Ufer entfernt und nur wenige hundert Meter flussaufwärts hinter der Hafenausfahrt. Mit einem Leck im Bug. Wie groß dieses Leck ist, weiß da noch niemand genau. „Wir gehen von einem Querriss aus“, sagt Katja Schmidt vom Wasser- und Schifffahrtsamt, die den Großeinsatz koordiniert.

Um 6.30 Uhr war bei der Feuerwehr Hanau der Notruf eingegangen: Schiffshavarie auf dem Main in Höhe Saarstraße. Die Wehren rückten mit mehreren Fahrzeugen aus, auch die Feuerwehren Hanau-Mitte, Klein-Auheim, Steinheim und Großauheim mit ihren Booten, dazu Taucher aus Maintal, die DLRG, Rettungsdienste und Industrietaucher einer Hanauer Firma. Bis zu 70 Einsatzkräfte sind vor Ort. Außerdem wird ein Feuerlöschboot aus Frankfurt nach Hanau beordert. Wie groß der Einsatz werden würde und ob die Dependant zu halten ist, war zunächst ungewiss.

Erste Maßnahme der Feuerwehr: Im vorderen Maschinenraum für das Bugruder, wo der Frachter leck geschlagen ist, werden Pumpen installiert, um das eintretende Wasser aus dem Vorderschiff zu bringen, während kurz darauf Wasserschutzpolizei, Vertreter des Wasser- und Schifffahrtsamtes sowie ein Havarie-Kommissar und Sachverständiger der Versicherung eintreffen.

Mit Hilfe des Feuerlöschboots aus Frankfurt (Bild) und des Eisbrechers Elsava wurde das Frachtschiff mit seiner 1000-Tonnen-Ladung wieder freigeschleppt.

Was war passiert? Der holländische Kapitän, der mit seiner Mannschaft auf dem Weg vom Neckar nach Lengfurt in Hanau übernachtet hat, war am frühen Morgen mit seinem 80-Meter-Frachtschiff aus dem Hanauer Hafen ausgelaufen. Zwei Tage Fahrt sollten noch vor der Dependant liegen. Aber der Frachter kommt nur wenige hundert Meter weit. „Das Schiff geriet aus der Fahrrinne raus“, sagt Norbert Hübscher von der Wasserschutzpolizei. Aber warum? Es habe „kein Fremdverschulden“ vorgelegen, der Wasserstand war nicht der Grund, auch kein technischer Defekt. Der erfahrene Kapitän sei zudem weder übermüdet noch alkoholisiert gewesen, so Hübscher. „Dafür gibt es keinerlei Anzeichen.“ Bleibt also nur: Ein Fahrfehler. Jedenfalls rammte die Dependant, die mit ihrer tonnenschweren Fracht 2,60 Meter Tiefgang hat, den felsigen Grund im Flachwasser weit außerhalb der vier Meter tiefen Fahrrinne - und fuhr sich fest.

Glück im Unglück: Trotz des Lecks war die Ladung sicher. Wohl auch, weil die Dependant über einen doppelten Schiffsboden verfügt. „Nicht auszudenken, wenn Wasser in den Frachtraum mit mehr als 1000 Tonnen Gips gelaufen wäre“, so Feuerwehrsprecher Tibor Roká. Weitere wichtige Nachricht kurz nach der Havarie: Ruder und Maschine des Frachters sind funktionsfähig, auch wenn das Leck geschlagene Schiff nicht mehr alleine frei kommt.

Fotos: Schiff läuft im Main bei Hanau auf Grund

Um den Havaristen wieder flott zu kriegen, werden das Feuerlöschboot mit zwei jeweils 700 PS starken Motoren und der Eisbrecher Elsava mit seinen 400 PS und einer gewaltigen Zug- bzw. Schubkraft in Position gebracht, erläutern Schmidt und Hübscher den Vertretern von Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen. Kein unproblematisches Unterfangen, weil niemand weiß, wie fest das Schiff auf Grund sitzt und vor allem: was mit dem Leck passiert, wenn die Dependant frei kommt.

Derweil wurde der Schiffsverkehr auf dem Main zwischen Mühlheim und Großkrotzenburg eingestellt. Nur vereinzelt können Schiffe die Unfallstelle passieren.

„Jetzt wird es spannend“, sagt ein Feuerwehrmann, während beim großen Löschboot und der Elsava immer wieder die Motoren aufheulen, die Schiffsschrauben das Wasser heftig aufwirbeln und sich ein ums andere Mal die Schleppseile spannen. Zugversuch um Zugversuch. Dann, nach gut einer viertel Stunde die erste Bewegung bei der Dependant. Stück um Stück, ehe sie um kurz nach 12.30 Uhr wieder frei ist. Ohne Schräglage oder tiefer eingetauchten Bug. Wenn man nichts von dem Leck wüsste, man würde es äußerlich nicht bemerken. „Offenbar ist es nicht so groß wie befürchtet“, meint ein Helfer.

Ein Stück noch von der Elsava gezogen und dem Feuerlöschboot stabilisiert, dann fährt die Dependant aus eigener Kraft um 12.50 Uhr ins Hafenbecken ein. Spezialisten sollen nun das Leck abdichten, damit der Frachter nach der Havarie in Hanau seine Fahrt nach Lengfurt fortsetzen kann.

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