Janika Cremer verständigt sich mit Hilfe eines Sprachcomputers

Sprechen mit den Augen

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Mit einem Sprachcomputer kann sich die elfjährige Janika (mit Mutter Alexandra Cremer) verständigen. Auf dem Bildschirm sind Symbole, Silben und Buchstaben abgebildet.

Hanau - Sie sitzt in einem Rollstuhl und ist auf einen Sprachcomputer angewiesen, um zu reden - die elfjährige Janika Cremer lebt mit einer schweren Behinderung. Welche Probleme es gibt und wie es ihr und ihrer Familie trotzdem gelingt, das Leben zu genießen, schildert unsere Serie „Hürden im Alltag“. Von Steffen Müller

„Ich will sprechen.“ Eine freundliche Mädchen-Stimme ertönt aus dem integrierten Lautsprecher des Bildschirms, der vor Janika Cremer aufgebaut ist. Selber reden kann Janika nicht, das übernimmt ein Computer. Die Elfjährige leidet seit ihrer Geburt an einer dystonen Bewegungsstörung, ihre Motorik ist so stark beeinträchtigt, dass sie in einem Rollstuhl sitzen muss. Sie kann auch keinen Stift halten oder selbstständig essen.

Dennoch liebt Janika das Leben. Sie lacht viel, trifft sich mit Freundinnen, geht zu Kindergeburtstagen mit Übernachtung, reitet. Selbst einen Ballett-Kurs hat sie schon besucht. Denn ihr Gehirn ist von der Behinderung nicht betroffen. Janika nimmt ihre Umwelt ganz genau wahr, versteht alles, will sich mitteilen. Dafür hat sie ihren Sprachcomputer, den sie mit ihren Augen über Infrarot-Kameras steuert. Auf dem Bildschirm sind verschiedene Symbole, Silben und Buchstaben abgebildet, die Janika mit einem Blick aktiviert und so Sätze formt, die von der Mädchen-Stimme vorgelesen werden.

„Wir sind sehr glücklich, dass die technische Entwicklung mittlerweile so weit ist. Vor ein paar Jahren wäre das noch nicht möglich gewesen“, sagt Janikas Mutter Alexandra Cremer. Seit ihrem fünften Lebensjahr ist der Sprachcomputer Janikas steter Begleiter. Auch in der Schule. Janika besucht die Integrierte Gesamtschule (IGS) Nordend in Frankfurt, geht in die 5. Klasse und wird mit behinderten und nichtbehinderten Kindern unterrichtet. Janika genießt ganz normalen Unterricht an einer Regelschule – inklusiven Unterricht.

Dass Alexandra Cremer ihre Tochter jeden Tag nach Frankfurt zur Schule fahren muss, liegt daran, dass es in Hanau kaum die Möglichkeit für inklusiven Unterricht an einer Regelschule gibt. „An weiterführenden Schulen, die inklusiv arbeiten, besteht hier noch viel Nachholbedarf“, sagt Cremer, die ihre Tochter zwar auf einer Förderschule in der Brüder-Grimm-Stadt hätte anmelden können, dies aber ablehnte, da in Hessen nur etwa jedes zehnte Förderschul-Kind den Hauptschulabschluss schaffe. An der IGS Nordend hat Janika deutlich bessere Chancen.

Teure Freiheit: Das Auto behindertengerecht umbauen

In Hanau fehlt laut Mutter Alexandra aber nicht nur das Angebot an inklusivem Unterricht, sondern auch die Barrierefreiheit an vielen Schulen. Abgesehen von den Schulen sei die Stadt Hanau beim Thema Barrierefreiheit aber sehr vorbildlich. „Was sich hier mit dem Innenstadtumbau getan hat, ist großartig“, lobt Cremer, dass die Umbaumaßnahmen für Rollstuhlfahrer sehr hilfreich gewesen seien.

Dies sei ein wichtiger Schritt, so Cremer, damit „mehr Menschen mit Behinderung unters Volk kommen und ins Stadtbild integriert werden“. Ein Ziel, für das sich Cremer leidenschaftlich einsetzt. Deshalb hat sie 2011 das Inklusionsnetzwerk Frankfurt gründete, das sich ehrenamtlich unter anderem dafür einsetzt, Chancengleichheit zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen zu schaffen. „Es sollte normal werden, dass sich auch Behinderte raus trauen können. Allerdings ist der Aufwand oft sehr groß, wenn man angestarrt wird und sich nicht willkommen fühlt“, meint Cremer, die die Erfahrung gemacht hat, dass der Umgang mit Behinderten im Ausland oft ungezwungener ist. Deshalb lautet ihre Botschaft: „Quatschen Sie uns einfach an. Die Mitleidsschiene brauchen wir nicht.“ Und dank ihres Sprachcomputers kann Janika selbst auf Fragen antworten.

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