Fünf Millionen Euro Verlust aus einem Vertrag

Stadtwerke-Desaster größer als vermutet

+
Rückendeckung bekam SWH-Geschäftsführer Steffen Maiwald (l.) auch vom Mainova-Chef. Dr. Constantin Alsheimer.

Hanau - Als „hoch ärgerlichen Wirkungstreffer, der uns aber nicht umhaut“, hat Oberbürgermeister und Aufsichtratsvorsitzender Claus Kaminsky (SPD) den sich abzeichnenden Millionenverlust der Stadtwerke Hanau aus einem Vertrag mit einem ihrer Großkunden bezeichnet. Von Dirk Iding

Aus diesem Kontrakt droht dem städtischen Energieversorger bis zum Jahr 2019 ein Schaden von bis zu fünf Millionen Euro. Diese Zahl nannten Stadtwerke-Geschäftsführer Steffen Maiwald und OB Kaminsky gestern bei einer Pressekonferenz im Rathaus, nachdem am Abend zuvor der Stadtwerke-Aufsichtsrat getagt hatte. Damit dürfte der wirtschaftliche Schaden für das Unternehmen sogar um rund eine Million Euro größer sein als bislang vermutet. Wie Maiwald, der seit dem 1. Januar 2011 Geschäftsführer der Stadtwerke ist, erklärte, resultiert das negative Ergebnis aus einem 2009 geschlossenen Liefervertrag mit einem Hanauer Großkunden, dessen Name nicht genannt wurde. Darin war dem Unternehmen zugesichert worden, es langfristig mit Gas undStrom zu jeweils aktuellen Marktpreisen zu versorgen. In der letztlich falschen Erwartung weiter steigender Marktpreise hatten sich die Stadtwerke frühzeitig Strom- und Gaskontingente für diesen Großkunden zu Konditionen gesichert, die schließlich deutlich über den Marktpreisen lagen. Folge: Die Stadtwerke müssen nun teuer eingekauften Strom und Gas zu günstigen Preisen an den Großkunden abgeben. Eine Ausstiegsklausel aus dem Vertrag gibt es nicht. Gleichwohl, so Maiwald, liefen Verhandlungen über eine vorzeitige Vertragsbeendigung.

Laut Maiwald versorgen die Stadtwerke sechs Großkunden mit Strom und Gas. Das mache etwa die Hälfte des gesamten Strom- und Gasumsatzes aus. Während die Verträge mit den anderen Unternehmen zu zumindest kostendeckenden Konditionen für den Energieversorger abgeschlossen wurden, weiche der in Rede stehende Vertrag, der vom damaligen Prokuristen, der heute nicht mehr im Unternehmen ist, und einem verantwortlichen Mitarbeiter unterzeichnet wurde, von dem man sich inzwischen getrennt hat, deutlich ab.

Lesen Sie dazu auch:

Millionenverluste: Menge Fragen zu Stadtwerken

Und, so Maiwald, dieser Vertrag sei der einzige Großkunden-Kontrakt gewesen, „der seinerzeit juristisch nicht geprüft und offenbar bewusst dem internen Risikokontrollsystem entzogen wurde“. Dies habe eine Untersuchung durch das Wirtschaftsprüfungsunternehmen PwC ergeben. Darin kommt PwC auch zum Schluss, dass weder der damaligen, noch der aktuellen Geschäftsführung „Kontroll- und Delegationsversagen“ vorzuwerfen seien. „Gleichwohl übernehme ich als Geschäftsführer die grundsätzliche Verantwortung für den entstandenen Schaden“, hatte Maiwald bereits gegenüber dem Aufsichtsrat erklärt. Dennoch sprach sich der Aufsichtsrat „einstimmig“, wie Kaminsky betonte, für eine Vertragsverlängerung mit Maiwald aus. Der habe korrekt gehandelt und den Vorgang nach Bekanntwerden der ersten Verdachtsmomente konsequent aufgeklärt sowie die richtigen Schlüsse daraus gezogen.

Einer dieser Schlüsse ist, dass die Stadtwerke Hanau mit Auslaufen der Verträge ihr Großkundengeschäft ganz ihrem Anteilseigner Mainova überlassen werden. Maiwald: „Die Risiken in diesem Geschäftsfeld stehen mittlerweile in keinem Verhältnis zu den geringen Gewinnmargen.“ So sei das Großkundengeschäft zuletzt für die Stadtwerke allenfalls noch kostendeckend gewesen. Somit werde ein Rückzug aus dem Großkundengeschäft auch keine großen Auswirkungen auf künftige Stadtwerke-Gewinne haben.

Stadtbetriebe stellen sich vor

Im laufenden Geschäftsjahr, in dem das Desaster aus dem Großkundenvertrag komplett bilanziell auch durch Rückstellungen aufgearbeitet werden soll, wird es gleichwohl zu einem Gewinneinbruch bei den Stadtwerken kommen. Statt der erwarteten 7,5 Millionen Euro Gewinn werden unterm Strich wohl nur rund vier Millionen Euro Plus verbleiben. Davon müssen 2,1 Millionen Euro als Garantiedividende an die Mainova abgeführt werden.

Damit ist klar, dass die 1,5 Millionen Euro aus der Stadtkasse in diesem Jahr wohl nicht ausreichen werden, um den Gesamtverlust der städtischen Beteiligungsholding zu decken. Die Holding, deren Jahresergebnis extrem vom Stadtwerkeergebnis abhängt, wird an ihre Rücklagen gehen müssen, um den Verlust auszugleichen. Einen höheren städtischen Zuschuss schloss Kaminsky aus. „Stattdessen müssen wir innerhalb der Holding alle Einsparpotenziale ausschöpfen.“ „Schnellschüsse“, wie Bäderschließungen oder Kürzungen beim ÖPNV schloss Kaminsky jedoch aus. Und eines sicherte Maiwald den Privatkunden der Stadtwerke zu: Sie würden nicht für die Verluste aus dem Großkundengeschäft extra zur Kasse gebeten: „Im Gegenteil, erst zum 1. Juli haben wir für Privatkunden die Preise spürbar gesenkt.“

Kommentare