„Ehrenmord“ wohl nicht nachweisbar

Syrer gesteht tödliche Attacke auf schwangere Schwester

Hanau - Ein 22-jähriger Syrer hat im Landgericht Hanau gestanden, Anfang des Jahres seine schwangere Schwester mit einem Messer getötet zu haben. Von Andreas Ziegert 

Innig begrüßten sich die beiden angeklagten Brüder zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Hanau.

Der aus seiner Heimat nach Deutschland geflüchtete junge Mann sitzt gemeinsam mit seinem 26-jährigen Bruder auf der Anklagebank vor der 1. Großen Strafkammer und muss sich wegen Totschlags verantworten. Der zunächst vermutete „Ehrenmord“ in der Familie lässt sich wohl nicht nachweisen. Allerdings geht es in dem Fall auch um 80 Sex-Videos, die das Opfer unter anderem ihrem Liebhaber in Ägypten geschickt haben soll. Was sich genau am Abend des 7. Januar 2016 in der Wohnung an der Freigerichtstraße in Hanau abgespielt hat, soll jetzt mittels zahlreicher Zeugenaussagen ermittelt werden. Laut Anklage lieferten sich die beiden Brüder erst einen verbalen Streit mit dem Ehepaar, das danach ins Treppenhaus flüchtete, wo der 22-Jährige seine schwangere Schwester mit 15 Messerstichen tötete. Auch das Ungeborene musste so sterben.

Der Tatort in Hanau.

Die beiden Angeklagten schwiegen zwar zum Prozessauftakt, der mutmaßliche Haupttäter ließ aber eine Erklärung von seinem Verteidiger verlesen. Demnach sind der 22-Jährige und sein älterer Bruder zunächst telefonisch zu einem Streit seiner Schwester mit deren Ehemann gerufen worden. Der drohte später, 80 Sex-Videos, die das Opfer offenbar unter anderem für ihren Liebhaber in Ägypten angefertigt hatte, im Internet zu veröffentlichen und die Familie damit bloß stellen. Der Ägypter soll der 30-Jährigen auf der Flucht von Syrien nach Deutschland geholfen und sie finanziell unterstützt haben, offensichtlich bei entsprechender Gegenleistung.

Seine Schwester habe ihm gegenüber die Existenz der Sex-Videos zugegeben, worauf er mit einer Backpfeife reagiert habe, ließ er 22-Jährige weiter erklären. Es habe einen Tumult in der Wohnung gegeben, sein Bruder sei mit dem Ehemann aneinander geraten und er habe ihm mit einem kleinen Messer zu Hilfe kommen wollen, aber niemanden verletzt. Danach ging es im Treppenhaus weiter: Dort trafen der 22-Jährige und seine Schwester offenbar wieder aufeinander.

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Böse sei er aber nur auf den Ehemann gewesen, weil dieser ihn und seinen Bruder permanent provoziert habe, doch dann habe auch seine Schwester dreimal ganz laut den Namen des 31-Jährigen gerufen. Das habe ihn gekränkt, durch die Schreie im Treppenhaus, auch von inzwischen aufgeschreckten Nachbarn, sei er an die Bombenangriffe in Syrien erinnert worden. „Es kamen schreckliche Bilder in mir hoch“, zitierte der Verteidiger seinen Mandanten, letztlich seien bei ihm die „Sicherungen durchgebrannt“. An die Stiche selbst könne er sich nicht mehr erinnern, nur noch, dass er das Messer in der Hand hielt. Zuvor soll auch der 26-jährige ins Treppenhaus gekommen sein. Weil er dann nicht den Rettungsdienst verständigte, obwohl seine Schwester vermutlich noch am Leben war, ist er auch wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt. Dass nach der Festnahme auf seinem Handy auch noch kinderpornografische Fotos mit laut der Beschreibung von Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze besonders schrecklichem Inhalt gefunden worden sind, lässt starke Zweifel an dem Bild der sorgenvollen Brüder aufkommen.

Und noch eine weitere Szene zum gestrigen Prozessauftakt im Hanauer Landgericht war ungewöhnlich: Nach der noch verständlichen Umarmung der beiden Brüder zu Prozessbeginn, begrüßten sich auch der 26-jährige Angeklagte und der Ehemann des Opfers, der sich angeblich bereits im September 2015 von der 30-Jährigen trennen wollte, in einer Verhandlungspause per Handschlag. Der Prozess wird am 6. September fortgesetzt.

Rubriklistenbild: © dpa

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