Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Steinheim

An sicherem Ort angekommen

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Das Internet ist für die minderjährigen Flüchtlinge ein wichtige Informationsquelle. Hier lesen sie aktuelle Nachrichten, stehen aber auch über soziale Netzwerke mit ihren Familien und Freunden in der Heimat in Kontakt.

Steinheim - Schon einmal war das Haus in der Schönbornstraße 39 ein Übergangszuhause für junge Menschen: Bis Mitte der 90er Jahre wurde es als Kinderheim für den Kreis Offenbach genutzt. Nun ist ein Teil des Gebäudes erneut zum Zufluchtsort für Jugendliche geworden. Von Laura Hombach 

Das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) hat sich eingemietet, um minderjährige Flüchtlinge zu betreuen, die ohne Begleitung nach Deutschland gekommen sind; im April zogen die ersten ein. Inzwischen leben 20 männliche Teenager im Alter von 15 bis 18 Jahren in den zwei von einem 14-köpfigen Team betreuten Wohngruppen. 30 Plätze gibt es insgesamt in der Einrichtung, die sukzessive gefüllt werden sollen. Viele der Jugendlichen kommen aus Afghanistan, aber auch Flüchtlinge aus Somalia, Syrien, Guinea, Sierra Leone, Gambia, Äthiopien und Eritrea gehören zu den Neuankömmlingen in Steinheim.

Um eventuellen Ängsten angesichts der neuen Nachbarn zu begegnen, sei man von Anfang an mit großer Offenheit auf die Anwohner zugegangen, erklärt Margret Helmcke, Bereichsleiterin Stationäre Hilfen beim gemeinnützigen CJD, die in Steinheim vor Ort ist. So informierte auch ein an die Anwohner verteilter Flyer über den Einzug der jungen Flüchtlinge. Ein offener Umgang, auf den es einige positive Rückmeldungen gab, so Helmcke. Häufig zu hören sei dabei von den Anwohnern auch der Kommentar „Man merkt ja gar nicht, dass sie da sind“.

Kein Wunder, sieht der Alltag der Jugendlichen in der Schönbornstraße 39 doch gar nicht so anderes aus wie der ihrer deutschen Altersgenossen. Für das morgendliche Wecken, die Mahlzeiten und saubere Gemeinschaftsräume ist gesorgt, in ihren Zimmern müssen die Teenager selbst für Ordnung sorgen. Morgens geht es in die Schule – die Jugendlichen besuchen je nach Alter speziellen Klassen mit Sprachförderung an Regel- oder Berufsschulen –, am Nachmittag werden mit Hilfe der Betreuer Hausaufgaben gemacht. Danach ist Freizeit angesagt.

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Doch das, was auf den ersten Blick nach einem normalen Teenagerleben aussieht, verlangt den jungen Flüchtlingen viel ab. „Sie müssen hier erst einmal viele handfeste Alltagsprobleme meistern“, erläutert Thilo Brandl, der die Betreuung der Jugendlichen psychologisch begleitet: etwa ohne die Familie in einem fremden Land, einer fremden Kultur Fuß fassen, die Sprache, häufig auch das Lesen und Schreiben überhaupt und den Schulstoff lernen. Die Aufarbeitung der Traumata, die viele der jungen Männer in ihren vom Krieg beherrschten Heimatländern erlitten haben, muss deshalb auch häufig warten. „Man muss schauen, was man machen kann, ohne dass es zu viel wird“, erklärt Brandl. Viel hilfreicher sei es für die traumatisierten Jugendlichen, dass sie zunächst einmal das Gefühl bekämen, an einem sicheren Ort angekommen zu sein.

Eine wichtige Hilfestellung für die Jugendlichen sei dabei auch, ihnen eine Perspektive zu geben, weiß Helmcke aus Erfahrung. Die Flüchtlinge kämen hochmotiviert nach Deutschland und könnten es kaum abwarten, in das Berufsleben zu starten. Viele von ihnen hegten die Erwartung, gleich einen Beruf ergreifen zu können, verbunden auch mit dem Wunsch, ihre Familien zuhause schnellstmöglich finanziell unterstützen zu können.

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Die große Motivation mache sich auch beim Schulbesuch, den Hausaufgaben und dem Deutschlernen bemerkbar. So nutzen viele der jungen Flüchtlinge die Sommerferien für ein Praktikum, bei dem sie eine Vorstellung von der realen Arbeitswelt gewinnen sollen. Gleichzeitig geben die Praktika aber den Betrieben auch die Möglichkeit hochmotivierte, fähige zukünftige Auszubildende kennenzulernen, weiß Helmcke. Denn häufig hätten die Flüchtlinge in ihren Heimatländern bereits als Kinder zu arbeiten begonnen und verfügten deshalb über handwerkliche Kenntnisse.

Eine Perspektive, das bedeutet für die Jugendlichen, deren Asylverfahren noch laufen, aber auch die Frage nach dem Bleibendürfen. „Als Ansporn geben wir ihnen mit auf den Weg, dass sich ihre Chancen aufs Bleiben nach dem neuen Integrationsgesetz erhöhen, wenn sie zeigen können, dass sie bereits gut integriert sind“, erklärt Helmcke. Und auch die Grundlagen für eine gelungene Integration in unsere Gesellschaft werden den Jugendlichen von ihren Betreuern vermittelt. Christliche und demokratische Werte werden im alltäglichen Miteinander praktiziert, die Feiertage aller Religionen gemeinsam begangen und so Respekt und Akzeptanz gegenüber allen Kulturen und Religionen gelebt.

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