Warnstreik des öffentlichen Diensts

„Müssen auf die Straße gehen“

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Im Zuge der hessenweiten Warnstreiks im öffentlichen Dienst, zu denen die Gewerkschaft Verdi aufgerufen hatte, zogen viele Beschäftigte gestern in einem Protestmarsch durch die Innenstadt zu einer Kundgebung auf dem Freiheitsplatz.

Hanau - „Wir sind es wert!“ Mit Trillerpfeifen, lauter Musik und Forderungen nach mehr Lohn haben sich rund 850 Arbeitnehmer aus dem öffentlichen Dienst aus Hanau, dem Main-Kinzig-Kreis und Offenbach an den landesweiten Warnstreiks der Gewerkschaft Verdi beteiligt. Von Steffen Müller

Vom Kurt-Blaum-Platz durch die Nürnberger Straße, vorbei am Forum bis zum Gewerkschaftshaus am Freiheitsplatz zogen die 850 Arbeitnehmer aus 30 Unternehmen aus Verwaltung, Medizin- und Pflegeberufen sowie Bildungseinrichtungen, um ihren Forderungen nach sechs Prozent mehr Lohn und einer besseren Rentenvorsorge Ausdruck zu verleihen. An der Spitze des Zuges fährt ein Auto mit Megaphon-Anlage auf dem Dach. Es dröhnt laute Musik, meist mit einschlägigem Rhythmus, in den sich der schrille Klang der Trillerpfeifen einreiht. Neben dem Frankfurter Flughafen, Kassel und Darmstadt ist Hanau einer von vier Standorten in Hessen, an dem Verdi größere Kundgebungen organisiert hat.

Viele Freunde machen sich die Demonstranten bei ihren Mitmenschen dabei nicht. Die Fahrt durch die Nürnberger Straße und in das Parkhaus ist erheblich verzögert, in den Querstraßen stauen sich Autos. Auch, dass gestern aufgrund des Warnstreiks Mülltonnen und gelbe Säcke nicht geleert oder abgeholt wurden, dürfte bei einigen Anwohnern für Unmut gesorgt haben. Für Ersatz wurde aber gesorgt. Betroffene Anwohner können ab Montag, 2. Mai, im Rathaus so genannte „Streiksäcke“ erhalten, die bei der nächsten Leerung abgeholt werden.

Um die Probleme der Anwohner scheren sich die Streikenden kaum. „Wenn wir etwas bewirken wollen, müssen wir auf die Straße gehen. Für uns als Gewerkschaftler ist es eine Pflicht, zu streiken“, sagt eine Mitarbeiterin der Lehrergewerkschaft GEW und ihre Kollegin ergänzt: „Was die Arbeitgeber in den Tarifverhandlungen bieten, ist ein Witz. Da müssen wir zeigen, dass wir das nicht akzeptieren und unsere Arbeit mehr wert ist.“

Verdi macht mit Warnstreiks Druck

Wertschätzung ist das entscheidende Wort, dem sowohl beim Umzug durch die Straßen als auch bei der Kundgebung vor dem Gewerkschaftshaus Ausdruck verliehen werden soll. „Wir sind es wert!“ steht nicht nur auf Plakaten geschrieben, sondern auch auf den Warnwesten, die viele der Streikenden tragen.

Auf dem Freiheitsplatz mit Blick aufs Forum greift Natalie Jopen das Thema Wertschätzung wieder auf. Jubel und Applaus branden auf, als die Fachsekretärin von Verdi Osthessen das Angebot der Arbeitgeber in den Tarifverhandlungen als „reinen Akt der Provokation und Zeichen fehlender Wertschätzung“ bezeichnet. Auch Peter Reuling von Verdi in Hanau schlägt in diese Kerbe. „Unsere Arbeit wird nicht gewürdigt und das ist eine Sauerei.“ DGB-Südosthessen-Chefin Ulrike Eifler meint sogar, dass die Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes für den Staat weniger wert sind als das Finanzwesen. „Als die Banken 2010 gerettet wurden, hieß es, sie seien systemrelevant. Offensichtlich sind Müllmänner, Pfleger oder Erzieher nicht relevant.“

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