Reinhard Wolf geht gerne auf große Tour

Die Welt im Radeltempo erkunden

Hanau/Main-Kinzig-Kreis - Reinhard Wolf war mal eben weg. Sechs Wochen lang war der 77-Jährige mit seinem Fahrrad unterwegs. Von Laura Hombach 

Reinhard Wolf (bei einer seiner früheren Reisen) vor der Kathedrale von Santiago de Compostela.

Von Santiago de Compostela bis Jerez de la Frontera erkundete er mit seinem Drahtesel die spanische und portugiesische Küstenregion und legte dabei 1700 Kilo- und insgesamt 11.000 Höhenmeter zurück.  Nun ist Wolf wieder daheim, wo er sich vom Nachbarn schon mal die kecke Frage gefallen lassen muss, ob er bei der Kilometerangabe etwa die mit dem Flugzeug zurückgelegte Strecke mitgerechnet habe. Doch solche Mogeleien hat der sportliche Senior gar nicht nötig, schließlich geht es ihm bei seinen Radtouren nicht um sportliche Höchstleistungen, sondern vielmehr darum, Länder und Leute beim langsamen Reisen neu kennenzulernen und seine Sprachkenntnisse aufzufrischen. Denn von der Welt hat der ehemalige Flugbegleiter schon viel gesehen – nur eben im Eiltempo. Bei seinen Fahrradreisen hingegen nimmt Wolf sich viel Zeit für Begegnungen und Gespräche. 2005 hat ihn erstmals die Lust auf große Urlaubstouren per Pedale gepackt, seine Reise führte ihn damals entlang des klassischen Jakobswegs von Frankfurt nach Santiago de Compostella, eine Strecke von immerhin rund 3 500 Kilometern. Seine Reisen plant Wolf stets in Tagesetappen. Normalerweise sind die zwischen 80 und 100 Kilometern lang, unter Berücksichtigung des steten bergauf und bergab entlang der spanischen und portugiesischen Küste waren dieses Mal 50 bis 60 Kilometer als Tagesziel eingeplant.

Etappenziel ist dabei meist ein Campingplatz, in den Großstädten ein, einer Jugendherberge ähnelndes, Hostal oder, bei ganz miesen Wetterbedingungen auch einmal ein Hotel- oder Pensionszimmer. Immer wieder werde er auf seine Art zu reisen angesprochen, erklärt Wolf freudig. Die erste Frage laute stets „Wo kommst Du her?“, die zweite „Wie viele Kilometer bis Du gefahren?“ und die dritte „Wie alt bis Du?“ Darauf, dass er bereits 77 Lenze zählt, reagierten viele erst einmal erstaunt, dann begeistert, erklärt Wolf. Er selbst macht um sein Alter kein großes Aufhebens, genauso wenig wie um die anspruchsvollen Touren, die er ganz auf sich gestellt mit seinem Rad bewältigt. „Ich fahre ja sonst auch Rad“, lautet Wolfs entspannte Antwort auf die Frage nach vorausgegagenem Fahrradtraining. Neben den täglichen Wegen, die der 77-Jährige gerne mit dem Fahrrad bestreitet, ist Wolf, der 40 Jahre lang im Rodgau lebte, als Tourenleiter beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Rodgau aktiv und seit seinem Umzug nach Bruchköbel auch bei den Touren des Hanauer ADFC regelmäßig dabei. Solche Radtouren gehen auch schon mal gerne über 80 bis 100 Kilometer, erklärt der 77-Jährige. Was es bedeutet, eine solche Kilometerzahl mehrere Woche hintereinander (fast) Tag für Tag zurückzulegen, darüber macht sich Wolf keine Gedanken. Noch nie habe es Probleme gegeben, bilanziert er seine Radtouren, die er alle zwei Jahre bestreitet, und bei deren längster, einer Ostseeumrundung, er stolze 8 000 Kilometer zurücklegte.

Reinhard Wolf vor der Karte seiner vergangenen Tour.

Sein Drahtesel, ein auf ihn zugeschnittenes Tourenrad mit Stahlrahmen und Rohloff-Nabenschaltung (Wolf: „Der Mercedes unter den Nabenschaltungen“), das Wolf sich vor seiner ersten großen Tour 2005 zugelegt hatte, leistet ihm dabei treue Dienste. „Nur einmal die Reifen aufgepumpt“, antwortet er auf die Frage nach Pannen. 18 Kilo bringt das Rad selbst auf die Waage, beladen wird es für die großen Reisen mit rund 50 Kilo Gepäck und natürlich dem Radler selbst. „Ich wiege rund 70 Kilo beim Losfahren und 63 beim Wiederkommen“, sagt Wolf schmunzelnd. Macht fast 140 Kilo, die es bergauf, bergab über mehr oder weniger gute Wege zu bewegen gilt. Zu viel wird das dem sportlichen 77-Jährigen nie. Auch dann nicht, wenn der eben noch so idyllisch zwischen Dünen entlangführende Radweg plötzlich einfach im Sande verläuft und zur Umkehr zwingt. Oder wenn der als Etappenziel angedachte Campingplatz geschlossen ist und der nächste elf steile Kilometer weiter liegt. Vielmehr gehört auch das für Wolf zum Reisevergnügen: „Wenn man immer auch bestimmt da ankommen will, wo es geplant war, dann muss man eine Pauschalreise buchen.“ Wolfs Rad-Reisen sind von einer Pauschalreise meilenweit entfernt. Aber noch nie habe er bei seinen großen Touren etwas bereut, sagt er. Nur bei der Ostseeumrundung, für die er 97 Tage weg war, habe er zum Schluss so schnell wie möglich nach Hause gewollt.

„Es ist schön, wieder Zuhause zu sein“, sagt Wolf auch jetzt nach seiner spanisch-portugiesischen Küstentour. Doch in zwei Jahren zieht es ihn und seinen Drahtesel wohl wieder in die Fremde. Dann ist er wieder mal weg.

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