Schauspiel der Schüler des Adolf-Reichwein-Gymnasiums

Aischylos erschreckend modern

+
Aus Pappkartons haben die Schüler des Kurses „Darstellendes Spiel“ am Adolf-Reichwein-Gymnasium ein Schiff gebaut, mit dem „Die Schutzsuchenden“ des griechischen Dichters Aischylos über das Meer flüchten wollen.

Heusenstamm - Jedes Jahr vor den Sommerferien präsentieren Schüler des Adolf-Reichwein-Gymnasiums, was sie in musischen Fächern gelernt haben. Der Kurs „Darstellendes Spiel“ hat sich mit Aischylos, einem Dichter der Antike befasst. Das Stück wurde jetzt aufgeführt. Von Annalena Barnickel

Zwischen Bruchstücken der griechischen Tragödie und moderner Interpretation bewegt sich die Inszenierung des Stücks von Aischylos „Die Schutzsuchenden“ der Schüler des Adolf-Reichwein-Gymnasiums (ARG), das im Original die Flucht von 50 Frauen vor einer Zwangsheirat thematisiert. „Die Frauen mussten um Schutz suchen, um aus eigenem Trieb vor dem Unheil zu fliehen“, zitiert der Chor (Victoria Fritsch, Jan Viola) zu Beginn die Tragödie. Mit traditionell gewählten Kostümen aus weißen Gewändern erzählt er den Zuschauern die Geschichte der lebensgefährlichen Flucht von Menschen vor Gewalt und ihrer Bitte um Asyl beim König (Lucas Pfeiffer).

Maschinengewehre knattern, Bomben fallen – wir befinden uns auf einmal in der Gegenwart. Verängstigt laufen die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe Q2 auf der Bühne durcheinander und ziehen schließlich ein aus einigen Pappkartons zusammengeklebtes Schiffchen hervor, mit dem sie die Fahrt über das Mittelmeer wagen wollen. Das Lachen bleibt den Zuschauern in Gedanken an die in der Realität oft nicht stabileren Flüchtlingsboote im Hals stecken.

„Das Stück von Aischylos ist zurzeit auf erschreckende Weise sehr modern“, stellt Elena Filia-Diefenbach, Leiterin des Darstellenden-Spiel-Kurses, fest: „Umso stolzer bin ich auf meine Schauspieler, die dieses Thema größtenteils selbstständig bearbeitet und entwickelt haben.“ Im Gegensatz zu den Nachrichten, die Flüchtlinge oft in der Masse darstellen, sieht der Zuschauer nun personalisierte Erzählungen von Menschen, die sich aus ganz verschiedenen Gründen für die Flucht in ein besseres Leben entschieden haben.

Krieg, Leid und Elend stehen natürlich an erster Stelle, gefolgt von dem Wunsch nach mehr Selbstbestimmung und der Angst vor der Willkür des Staates. „Die gespielten Szenen beruhen auf tatsächlichen Erlebnissen von Flüchtlingen, die von den Schülern recherchiert wurden“, betont Elena Filia-Diefenbach.

Sehr realistisch wirkt die am Ende gezeigte Debatte um die Gewährung von Asyl für die Schutzflehenden. Der König, uneins mit sich, befragt sein Volk, das, erneut mit Pappkartons, sinnbildlich eine Mauer aus Vorurteilen gegen die Geflüchteten aufbaut. „Die bringen nur Krankheiten mit!“ „Sie vergewaltigen unsere Frauen!“ „Schwarz-Rot-Gold ist bunt genug!“ Deutlich zitieren die Schüler mit dieser Aussage eines der Wahlplakate der AFD vor der letzten Kommunalwahl. Doch im Stück lässt sich das Volk am Ende von der Vernunft überzeugen und spricht sich in der Mehrheit für die Flüchtlinge aus.

Dieser Wendepunkt war allen Mitwirkenden sehr wichtig. Das Thema sei natürlich nicht einfach, erzählen die beiden 17-jährigen Schauspieler Laura Taetzner und Jonas Hochberg. „Aber die Bearbeitung fällt deutlich leichter, wenn man wie wir schon von vorneherein die Meinung vertritt, dass die Flüchtlinge von unserer Gesellschaft aufgenommen werden sollten“, ergänzt Jonas.

Kommentare