Trinkgelage und Handgreiflichkeiten

Prügel-Freispruch: Mit 5,28 Promille zu betrunken

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Heusenstamm - Skurril und verworren ist die Geschichte um einen zeitweise verschwundenen Hund, um Musik und Alkoholmissbrauch, über die Richter Manfred Beck am Montag vor dem Schöffengericht in Offenbach verhandeln musste. Der Prozess endet mit einem Freispruch.

Es ist Januar. Ein Mann und eine Frau stehen vor einem Wohnhaus in der Schlossstadt. Ein Mieter bittet sie zu sich rein. Die drei Heusenstammer trinken zusammen. Irgendwann versetzt der männliche Gast dem Gastgeber einen Schlag ins Gesicht. Als der wieder zu sich kommt, ist der Hund seiner Schwester geklaut. Das trägt die Oberstaatsanwältin in der Anklage vor, die von schwerem Diebstahl mit Körperverletzung ausgeht. Der Angeklagte erscheint mit einem Betreuer der Sucht-Selbsthilfegemeinschaft Hof Fleckenbühl in der Nähe von Marburg. Der 31-Jährige schweigt auf Anraten seines Verteidigers Christian Heidrich. Eigentlich sollte auch seine Freundin dort sitzen. Die befindet sich aber gerade in der Psychiatrie.

Die Geschichte spielt am 9. Januar 2014. Der Zeuge, der als Geschädigter aussagt, erinnert sich auffällig mühsam. Wenn Richter Beck oder Anwalt Heidrich ihn auf Widersprüche zu den Polizeiaussagen von damals aufmerksam machen, reagiert er zudem patzig, „das wird dann so gewesen sein“. Das Trinkverhalten des 40-Jährigen spricht ebenso für massiven Alkoholismus wie seine gelbliche Gesichtsfarbe. Täglich verbrauche er einen Liter Wodka und sieben Flaschen Bier. Für besagten Tag gibt es unterschiedliche Aussagen. Vor Gericht spricht er von drei Flaschen Bier und drei bis vier 0,1-Liter-Fläschschen Wodka, die er zwischen 10 und 18 Uhr am Kiosk getrunken habe. Bei der Polizei sagte er am Tag danach aus, er habe außer Wodka fünf Liter Bier plus „drei Jagdfürst“ konsumiert – gemeint sind zwölf 20-ml-Fläschchen Kräuterschnaps. Er sei zwar trinkfest, aber eine solche Menge hätte fünf Promille bedeutet. Die traue er sich nicht zu.

Der Mann unterschätzt sich. Die Alkoholmessung am nächsten Morgen während seiner Zeugenaussage ergab 2,08 Promille. Der Gutachter errechnete für den Zeitpunkt des Verschwindens des Hundes 5,28 Promille. Den weiteren Verlauf skizziert der Zeuge wie folgt: Abends habe er im Toom-Markt eingekauft. Beim Nachhausekommen hätten vor seinem Wohnhaus ein Mann und eine Frau mit Wodkaflasche bei Regen unterm Dach gestanden. „Weil ich human bin“, habe er sie in seine Kellerwohnung gebeten. Mehrmals habe die Frau über den zutraulichen Hund gesagt, den wolle sie am liebsten mitnehmen. Später arglos aus seiner Küche kommend, „hat mir der Typ in die Fresse gehauen“. Von der Wucht benommen, habe er nicht direkt bemerkt, wie der Hund verschwand. Die Polizeiversion der Frau schließe er jedoch aus.

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Die gab den Hund nach einer Woche mit dem Hinweis dort ab, er sei ihr zugelaufen. Die Beamten erkannten ihn als das gesuchte Tier. Anschließend änderte die Frau ihre Aussage. Der Mann habe den Hund getreten, als er im Weg lag, außerdem ihren Freund verbal provoziert, liest Beck vor. Irgendwann sei sie gegangen, der Hund ihr hinterher gelaufen. Anwalt Heidrich fragt den Zeugen nach der Begleitmusik zum Gelage. „Das tut nichts zur Sache“, findet der, spricht dann aber von „deutscher Musik“, womit er keine Wagneropern meint, sondern „rechte Musik“. Die Frau hatte damals von Neonazimusik gesprochen, die ihr als Polin und dem Freund als Russen aufgestoßen sei. Daran habe sich ein Streit entzündet.

Der Angeklagte ist mehrfach wegen Eigentums- und Körperverletzungsdelikten vorbestraft. Die Oberstaatsanwältin glaubt der Darstellung des Zeugen. Der wirke zwar auch heute alkoholisiert, habe jedoch keinen Grund, die Geschichte zu erfinden. Die Anklägerin geht auf Diebstahl in einem leichten Fall herunter und fordert acht Monate Haft mit Bewährung. Der Anwalt plädiert auf Freispruch. Die Aussagen des Zeugen seien eklatant widersprüchlich.

Richter Manfred Beck und die Schöffen schließen sich an. Der Geschädigte sei an dem Abend zu betrunken gewesen, um den Sachverhalt zweifelsfrei wiederzugeben. Für eine Verurteilung reiche der Verdacht nicht. Während der Begründung des Freispruchs bringt Beck den mittlerweile als Zuschauer störenden Zeugen durch Gefängnisandrohung zur Raison.

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