Bücherei im Gemeindehaus

Kopfkino für Jung und Alt

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Gebannt lauschen die kleinen Büchereibesucher den schaurigen Geschichten über das Ungeheuer Schusch.

Heusenstamm - Sie haben schon oft ans Aufgeben gedacht. Doch die Bücherei im evangelischen Gemeindehaus an der Leibnizstraße existiert auch nach 35 Jahren noch – mit einem zukunftsträchtigen Konzept. Denn jede Ausleihe beginnt mit einer Vorlesestunde für die Jüngsten.

Er soll muffig sein, zottelig und riesig groß. Und dann knutscht er noch wie ein Wilder! So einer passt einfach nicht her. Zu seiner Einweihungsparty traut sich nur der Partyhase - aber wieso taucht er stundenlang nicht wieder auf? Was hat der schaurige Schusch bloß mit ihm angestellt? -Mindestens zwei Dutzend kleine Schlossstädter kennen den Schusch jetzt viel besser und wissen, dass er gar nicht böse ist. Das vermeintliche Ungeheuer sucht einfach Gesellschaft. Monika Wilms stellt im Gemeindehaus das witzige Bilderbuch über Fremdsein und Mut von Charlotte Habersack vor.

Die Kinder sitzen auf den großen Stühlen im Kreis, betrachten fasziniert die köstlichen Zeichnungen von Sabine Büchner, während Mütter und ein paar Väter draußen im Flur hocken und die Zeit zum Plausch nutzen.

Danach gehen alle gemeinsam in den Saal im ersten Stock, der am Eingang Bücherei ist. Monika Wilms verteilt erst Papier und Stifte, später geht sie mit einer Plastikbox herum und bietet geschälte Apfelstücke an. Erst danach macht die Schachtel mit den Gummibärchen und Mini-Schoko-Riegeln die Runde. Die Eltern stöbern während-essen ein wenig in den Regalen an den Wänden.

Harry Potter und William von Baskerville stehen da, der Franziskanermönch aus dem „Namen der Rose“. Die Sammlung reicht von Theodor Fontane über Siegried Lenz bis Ken Follet und Dan Brown. Die Krimiautoren Hakan Nasser und Nicola Hahn sind vertreten, Kinderbücher von Peter Härtling und Klaus Kordon aus den 80ern kennen selbst die Papas noch. Eine Abiturientin erinnerte sich neulich, dass sie auch schon Monika Wilms lauschte. Sie ist die Herrin über 3500 Bücher, Lieder- und Hörspiel-CDs.

Gegründet wurde die Bücherei 1980, Gisela Hoyer führte sie damals. Im Jahr 2000 war die Bibliothek zeitweilig geschlossen, weil Mitarbeiter fehlten, das Inventar war überaltert. Im März 2001 wurde die Einrichtung wieder geöffnet, Ruth Möschter führte sie nun mit sieben Frauen und einem Mann. 2013 haben erneut mehrere Helfer aufgehört, darunter die Leiterin.

Leseratte Wilms wollte die Bücherei nicht sterben lassen. Sie wird nun von vier Frauen und Öffentlichkeitsarbeiter Joachim Kahnt als „Hahn im Korb“ unterstützt. Sie sortieren regelmäßig Bände aus, stöbern im Buchladen nach aktueller Literatur, lassen sich beraten und orientieren sich ansonsten an der Spiegel-Bestseller-Liste. Für den Einkauf gibt’s einen Zuschuss von der Landeskirche, berichtet die einstige Industriekauffrau. Etwa 25 Medien werden an jedem ersten Freitag im Monat von 16 bis 18 Uhr ausgegeben, hauptsächlich Bilderbücher. Die „Großen“ nehmen sich manchmal einen Roman mit, einen Krimi, ein Sachbuch, eine Biografie oder ein religiöses Werk.

Doch, die älteren Stammgäste der Bücherei sehen nicht mehr so gut, können nicht mehr zu Fuß in die Leibnizstraße kommen. Und: „Die Leute lesen nicht mehr, das ist ganz traurig“, findet Monika Wilms. Dabei ist „lesen Fernsehen im Kopf“. Mit der Vorlesestunde hofft Wilms, vor allem die kleinen Leser wieder fürs Lesen begeistern zu können. (M.)

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