Erzählcafé des Heimat- und Geschichtsvereins

Die Frauen machten Feldarbeit

+
Viele Zeitzeugen waren zum Erzählcafé mit Schülern des Gymnasiums ins Haus der Stadtgeschichte gekommen.

Heusenstamm - Schon einmal in der Geschichte mussten Heusenstammer Flüchtlinge aufnehmen. Mehr als 1700 Vertriebene kamen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in die damals 3000-Einwohnerstadt. Von Claudia Bechthold

Beim Erzählcafé des Heimat- und Geschichtsvereins erinnerten sich Zeitzeugen an diese Jahre. Georg Rebell (86) erinnert sich noch sehr genau an die Zeit, in der Vertriebene in Heusenstamm eintrafen. Beim Erzählcafé des Heimat- und Geschichtsvereins schildert er die Ereignisse. Ehrenamtlich war der heute 86-Jährige damals beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) engagiert: „Wir Helfer mussten uns alle impfen lassen. Man hatte Angst, weil die Leute ja aus dem Lager kamen und von dort wer weiß was für Krankheiten mitbringen konnten.“

Michael Kern, Geschichtslehrer am Adolf-Reichwein-Gymnasium, hat mit einer Oberstufenklasse ein Projekt zum Thema Flucht begonnen. Die Schüler sollen auf die aktuelle Situation eingehen, aber auch Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg schildern. Dazu hatte der Heimat- und Geschichtsverein Zeitzeugen ins Haus der Stadtgeschichte eingeladen.

„Vertriebene wollten wir nicht genannt werden“, erläutert eine Frau. Der Ausdruck sei von den Alliierten genutzt worden. Der Ausdruck „Flüchtlinge“ sei ihnen lieber gewesen. „Die Angst vor Krankheiten war unberechtigt“, setzt Georg Rebell seine Schilderungen fort. Die Menschen, die kamen, seien alle gepflegt und anständig gekleidet gewesen. Die Gemeinde habe damals einen Flüchtlingskommissar ernannt, der die Ankunft der Menschen organisieren sollte. Im Schulhaus habe man Etagenbetten aufgestellt.

Gesucht aber wurden vor allem Wohnungen, die nur teilweise oder gar nicht genutzt wurden. Den Helfern wurden Leute zugeteilt, die sie zu den freien Wohnungen führen sollten. Rebell: „Ich musste fünf Leute zu ihrer Unterkunft bringen. Sie haben sehr lange dort gewohnt. Zu meinem Glück, die Eheleute wurden später meine Schwiegereltern.“

Am ersten Tag habe man fast alle Eintreffenden untergebracht, sagt Georg Rebell. Nur eine Großfamilie habe zwei Nächte in der Schule übernachten müssen. Wohnraum sei geschaffen worden wo es nur ging. Sogar im Torbau habe man die Räume entsprechend hergerichtet. „Bald hat man dann begonnen, den Flüchtlingen Arbeit anzubieten. Die Frauen gingen nach Patershausen zur Feldarbeit. Und auch die Männer habe man alle in Arbeit untergebracht, damit sie sich ein paar Pfennige dazu verdienen konnten.“

Das Tivoli zwischen Frankfurter Straße und Pfortengasse sei sonntags nach der Messe der Treffpunkt für die Flüchtlinge gewesen, kann sich Rebell noch erinnern. Und Baracken seien als Wohnraum auf Äcker gestellt worden. „Dort wo heute die Ostendstraße ist. Die Bauplätze wurden später den Flüchtlingen angeboten für 50 Pfennig pro Quadratmeter.“ Anfangs mussten die Menschen – weil es nichts gab –noch für jede Anschaffung Bezugsscheine im Rathaus holen – bei Mina Paul. „Im Juni 1948 war dann die Währung, und plötzlich konnte man alles kaufen“, schildert sie die Ereignisse.

Dennoch, die Integration war schwierig. Der Rektor einer Schule in Offenbach habe sich aufgeregt, berichtet eine Frau, deren Vater berufsbedingt ein Auto brauchte: Unerhört, habe der Mann gepoltert, „Ich als Rektor komme mit dem Fahrrad, und es gibt Flüchtlinge, die haben schon ein Auto!“ Das habe sie als Kind sehr belastet.

Kommentare