Über einen Brief aus dem Archiv und eine Eheschließung auf Vermittlung

An Herrn Lehrer Wohlgeboren

Heusenstamm - Lange Zeit hat sich Hans Scheuern als ehrenamtlicher Stadtarchivar mit Heusenstamms Geschichte befasst. Dabei ist er auch auf die eine oder andere Kuriosität gestoßen. Seine Kenntnisse hat er einmal mehr in einem Vortrag über die Historie des Städtchens mit seinen Zuhörern geteilt. Von Claudia Bechthold 

Am Modell des Dorfes im Jahr 1843, das in der Dauerausstellung des Heimat- und Geschichtsvereins im Haus der Stadtgeschichte steht, schildert Hans Scheuern seinen Zuhörern, wie sich die kleine Stadt vor allem im 19. Jahrhundert entwickelt hat. Fast zu jedem Haus im einer Modell-Eisenbahn-Landschaft gleichenden Mini-Dorf könnte er Geschichten erzählen. Aber das würde den Rahmen dieses Vortrags sprengen, auch wenn er gern sein Wissen an die Zuhörer würde. Also bleibt es bei immer wieder kleinen Einfügungen. Eine solche galt zum Beispiel einem Brief vom 13. November 1852, den Hans Scheuern eines Tages im Archiv gefunden hat. In steiler, spitzer Sütterlinschrift wendet sich darin eine junge Frau aus Steinheim an den „Herrn Lehrer H., Wohlgeboren“ in Heusenstamm.

„Damals nahmen sich Alleinstehende oft einen Heiratsvermittler zu Hilfe, um einen Partner zu finden“, berichtet der frühere Stadtarchivar. Und so hat dies wohl auch Lehrer H. getan, der offensichtlich Heusenstammer Kinder in der Schule unterrichtet hat. Diese Vermittler suchten nach geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten. Und wenn ihnen eine Verbindung vielversprechend erschien, machten sie die beiden miteinander bekannt. Und sie wirkten als „Postillon d’Amour“, überbrachten die Briefe, die sich die zu verbandelnden Paare schrieben.

So war es wohl auch zwischen dem Fräulein Maria aus Steinheim und dem Herrn Lehrer aus Heusenstamm. Allerdings, jener Brief aus dem Archiv hat seinen Empfänger auf anderem Weg erreicht. Denn das Fräulein Maria hattte dem Vermittler gerade das „Zutrauen“ entzogen. Bevor sie dies dem Herrn Lehrer erläutert, nimmt sie allerdings erst einmal dessen Antrag an: „Was Ihren Antrag betrifft, welcher mich sehr ehrt, so erkläre ich Ihnen kurz, dass ich entschlossen bin, Ihnen vor dem Altare meine Hand zu reichen...“, schreibt sie und fügt vorauseilend hinzu: „An der Einwilligung des Vaters fehlt es nicht“.

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Dann aber geht es um den Vermittler, den sie einen „Verräter“ nennt. Der habe nämlich geäußert, „es sei ihm lieber, wenn aus der Sache nichts würde“. „Er habe eine andere Partie im Werke.“ Das Fräulein aus Steinheim vermutet, dass der Vermittler mehr zu verdienen hoffe. Die „Sache“ ging gut aus, berichtet Hans Scheuern. Man habe recherchiert. Das Fräulein Maria habe den Heusenstammer Herrn Lehrer tatsächlich geheiratet. Nachkommen der Familie leben bis heute in der Schlossstadt.

Rubriklistenbild: © Archiv: Thomas Faller (p)

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