Ein Herzinfarkt zerstört alles

Trauriges Ende einer Hoffnung

Täglich hat Naseen Abbas (†) seiner Familie ein Foto gemailt.

Heusenstamm - Nur selten erfährt die Öffentlichkeit Näheres über die Schicksale jener Menschen, die in den vergangenen Monaten aus dem Nahen Osten, Nordafrika und dem Südwesten Asiens nach Deutschland gekommen sind. Das möchte Shams Ul-Haq ändern. Er erzählt vom traurigen Ende des Naseen Abbas. Von Claudia Bechthold 

Shams Ul-Haq ist selbst als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Da war er 15 Jahre alt. Gemeinsam mit zwei Cousins hatte er sich vor gut 25 Jahren mit Hilfe einer Schleuserbande von Pakistan aus auf den Weg in den Westen gemacht. Im Westerwald lernte der heute 40-Jährige zunächst den Beruf des Schweißers. Doch nach den Ereignissen des 9. September 2001 hat er sich auf den Journalismus verlegt. Nicht ohne Stolz berichtet er, dass er 2007, also kurz vor ihrem Tod, das einzige Interview geführt hat, das Benazir Bhutto der Zeitung „Die Welt“ je gegeben hat. Spezialisiert hat sich Ul-Haq inzwischen auf das Thema Terrorismus. Sein Buch „Die Brutstätte des Terrors“ wird im Oktober erscheinen. Shams Ul-Haq hat also selbst erlebt, wie es ist, wenn man in ein völlig fremdes Land kommt, welche Probleme auftauchen können. Und aus diesem Grund kümmert er sich um Flüchtlinge.

Naseen Abbas hat Ul-Haq in einem Erstaufnahmelager in Offenbach kennengelernt. Aus Kamalia, einer Stadt, etwa so groß wie Offenbach, in der Nähe von Faisalabad mitten in Pakistan, stammte der 30-Jährige. „Er war nach Deutschland gekommen, um seinen drei Kindern und seiner Frau ein sicheres Leben zu bieten“, erzählt Shams Ul-Haq. „Ich mache das alles für meine Kinder, sie haben keine Zukunft in Pakistan“, habe Naseen immer wieder gesagt.

Von Offenbach kam Abbas nach Heusenstamm. Im Hotel Birkeneck teilte er sich das Zimmer mit einem anderen Flüchtling. „Jeden Tag hat er ein Foto von sich nach Hause geschickt“, erzählt Ul-Haq. Er habe seine Frau und seine Kinder sehr vermisst. Umgerechnet 10.000 Euro habe er Schleusern bezahlt, um ein neues Leben anfangen zu können. Ein Vermögen, wenn man weiß, dass er seinen Lebensunterhalt in Kamalia mit dem Verkauf von Milch verdient hat. Schwierig war das Leben in Pakistan zudem, weil seine Familie mit einem anderen Klan in der Stadt zerstritten war.

Weil Shams Ul-Haq weiß, dass sich unter den Flüchtlingen schnell Langeweile ausbreitet, hat er den jungen Männern Kricket-Utensilien besorgt. Kricket ist Nationalsport in Pakistan. Naseen Abbas hat dieses Angebot gern angenommen und andere junge Männer animiert, mitzuspielen. „Jeden Samstag und Sonntag haben sie auf dem Bolzplatz an der Thurn-und-Taxis-Straße gespielt, wenn das Wetter einigermaßen gut war“, weiß Ul-Haq. Meist gab es eine pakistanische und und eine afghanische Mannschaft.

Erste Hilfe bei Herzinfarkt

So war das auch am vergangenen Samstag. Nassen Abbas war als Werfer dran. Als er den dritten Ball werfen sollte, hielt er plötzlich inne, setzte und legte sich schließlich auf den Boden. Seine Kameraden verständigten den Notarzt. Doch alle Versuche nutzten nichts. Naseen Abbas erlag wenig später im Krankenhaus den Folgen eines Herzinfarkts.

Shams Ul-Haq hatte die bittere Aufgabe, den Angehörigen in Pakistan die traurige Nachricht zu überbringen. Heute soll der Leichnam nach Lahore geflogen werden, damit Naseen Abbas in der Nähe seiner Familie bestattet werden kann.

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