Haben Sie eigentlich Kinder?

Jugendliche Flüchtlinge zu Gast bei Bürgermeister Öztas

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Mit Geduld beantwortet Bürgermeister Halil Öztas die Fragen der jungen Flüchtlinge, die in Intensivklassen an der Adolf-Reichwein-Schule vor allem Deutsch lernen, um später die Regelschule besuchen zu können.

Heusenstamm - Schüler aus zwei Intensivklassen der Adolf-Reichwein-Schule begegneten Bürgermeister Halil Öztas in seinem Amtszimmer. Einige der zugereisten Mädchen und Jungen im Alter von zehn bis 16 Jahren besuchen erst seit wenigen Tagen den Deutsch-Unterricht. Von Michael Prochnow

„Haben sie auch Hobbys?“ Der Teenager aus Syrien hat gerade vernommen, dass man als Bürgermeister oft sieben Tage in der Woche und nicht selten 60 Stunden und mehr beschäftigt ist. Und ob er Hobbys hat! Als echter „Frankfurter Bub“, 1977 am Main geboren, liebt er das runde Leder. Zuerst hat er im Trikot des Teams vom Frankfurter Berg gekickt, dann für die TuS Nieder-Eschbach. Später absolvierte der Heusenstammer Rathauschef auch Schiedsrichter-Lehrgänge, war sogar Vorsitzender des Hessischen Verbandsgerichts, zählt er auf. Er verrät zudem, dass er gerne reist. Und er mag Flugzeuge, plaudert begeistert über einen Flug in einer historischen Maschine mit den Partnern aus dem belgischen Malle. Am liebsten würde er ja den Flugschein machen, aber dazu fehle ihm die Zeit. „Ihr könnt alles fragen“, ermuntert er seine jungen Gäste, ihn weiter auszuquetschen. Die meisten genieren sich ein bisschen, ein Mädchen möchte wissen, ob er Kinder hat. Dann geht der zweifache Vater in die Offensive, interviewt seine Besucher.

Zwei Geschwister sind vor vier Monaten aus Polen gekommen, ein Junge vor elf Monaten aus Syrien. Seine Familie sei gerade umgezogen, helfen ein paar Mitschüler zu übersetzen. „Das ist ein großer Vorteil, ein gutes Gefühl und verleiht Selbstvertrauen“, würdigt Öztas die Fähigkeit, mehrere Sprachen zu beherrschen und zu übersetzen. „So kann man auch helfen.“ Die Klassenkameraden stammen aus dem Iran und dem Irak, aus Afghanistan, Ost-China und aus Istanbul. Allen gemein sei, dass sie bei ihrem Eintritt in die Intensivklassen an der Reichwein-Schule über keinerlei Deutschkenntnisse verfügten, präsentiert Konrektorin Simone Richter das „Aufgabengebiet Seiteneinsteiger“. Drei Analphabeten werden in diesen Tagen erwartet. 96 junge Migranten haben die Pädagogen seit 2012 vor allem in Deutsch unterrichtet, 84 konnten nach einem Jahr in Regelklassen wechseln - die meisten (38) in die Realschule, 21 in die Hauptschule und 18 in die Förderstufe, zwei sogar aufs Gymnasium und fünf weitere in eine berufliche Schule.

Schulleiterin Margit Breen sowie die Klassenlehrerinnen Renate Gatzweiler und Jalda Kanawezi, die selbst aus Afghanistan stammt, erläutern, das Intensiv-Konzept sehe keinen Sportunterricht vor. Man treffe sich zu Ballspielen auf dem Schulhof, berichten sie und bitten Öztas, sich dafür zu engagieren, dass auf dem ungenutzten Rasen einige Spielgeräte aufgestellt werden können.

Bürgermeister und Landräte aus der Region

„Auch Vereine kosten Geld“, das sei für viele Familien ein Hindernis, die vielfältigen Angebote wahrzunehmen. Der Gastgeber verweist auf den Sportkoordinator für Flüchtlinge, das Training sei für Betroffene oft kostenfrei. Doch auch Musikunterricht sei wichtig und teuer. Der Rathauschef befürwortet dazu Vergünstigungen, für eine Förderung seien aber Satzungsänderungen nötig. Dann versuchen er und Erster Stadtrat Uwe Michael Hajdu im Sitzungssaal die Arbeit der Stadtverordneten-Versammlung zu vermitteln.

Ob sein Job schwer sei, will ein Jugendlicher wissen. Der Gefragte verneint, „ich habe viele Mitarbeiter, die mir helfen“. Schwierig sei es, andere zu überzeugen: Der Umgang mit politischen Parteien sei manchmal aufreibend. „Die Schule spielt eine ganz große Rolle“, gibt Halil Öztas seinen Gästen mit auf den Weg: „Meine beste Zeit war die Schulzeit, danach fängt der Stress richtig an.“ (M.)

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