Fotos zeigen ihre Flucht

Junge Familie aus Afghanistan war 40 Tage unterwegs

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Ahmad hält seinen schlafenden Sohn in einem Lager in Serbien im Arm

Heusenstamm - Mehr als 5900 Kilometer liegen zwischen der Schlossstadt und dem afghanischen Herat. Ahmad, Masouma und ihr fünf Jahre alter Sohn Arshia haben diesen Weg zurückgelegt, um endlich in Sicherheit leben zu können. Fotos ihrer Flucht werden in einer Ausstellung zu sehen sein. Von Claudia Bechthold 

Arshia findet auch in einem eher nüchternen Büro etwas zum Spielen. „Schwer beschäftigt“ sitzt der Fünfjährige an einem Schreibtisch, zerschneidet Papier und setzt es zu Figuren zusammen, die er schließlich mit Klebstreifen am Fenster befestigt. Er versteht, seit er den Kindergarten besucht, viel besser Deutsch, als er zugibt. Nur wenn man ihn direkt anspricht beantwortet er jede Frage in jener Sprache, die seine Eltern noch lange nicht beherrschen.

Ahmad, Masouma und Arshia stammen aus Herat, der zweitgrößten Stadt Afghanistans, die im Nordwesten des Landes liegt. Weil die kleine Familie um ihr Leben fürchten musste, hat sie sich im September vergangenen Jahres zur Flucht entschlossen. Mehr will Ahmad über die Gründe für diese Entscheidung nicht sagen. „Wegen der Sicherheit“, betont er immer wieder. Er macht sich auch Sorgen um Verwandte, die noch immer dort leben.

Zu dritt haben sie sich auf den Weg gemacht. Leicht gefallen ist ihnen das nicht. Nur leise schildern die beiden Bauingenieure die Erlebnisse ihrer 40 Tage dauernden Reise ins sichere Deutschland. Mit dem Bus, dem Zug, mit dem Auto, vor allem aber zu Fuß ist die Familie unterwegs. Das Mittelmeer überqueren sie in einem kleinen Schlauchboot. Und immer wieder müssen sie sich Schleppern ausliefern, die Geld wollen, bevor sie Flüchtlinge mal in kleineren, mal in größeren Gruppen durch Wälder oder über Felder begleiten, damit diese den richtigen Weg finden.

Hier hat Ahmad das erste Fastfood in Deutschland dokumentiert, aufgenommen im Hotel Birkeneck.

Wenn längere Strecken gelaufen werden müssen, nimmt Ahmad seinen Sohn in einer Art Rucksack auf den Rücken. Der damals noch Vierjährige hätte nicht fünf oder sechs Stunden, schon gar nicht acht oder zwölf Stunden laufen können. Für seinen Sohn nimmt Ahmad diese zusätzliche Strapaze aber gern auf sich. Von Afghanistan aus reist die Familie nach Pakistan, dann in den Iran. In der Türkei gelangen sie an die Küste der Ägäis. Schlepper bringen sie zu einem kleinen Schlauchboot, mit dem sie zur griechischen Insel Lesbos übersetzen. Es geht gut, zum Glück. Jetzt sind sie auf europäischem Boden. Zu Ende ist ihre Reise zu diesem Zeitpunkt aber noch lange nicht.

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Mit einer Fähre setzen sie nach Athen über, von dort geht es auf dem Landweg weiter. Zunächst Richtung Norden nach Mazedonien, weiter über Serbien nach Kroatien, Slowenien und Österreich schließlich nach Deutschland. Immer wieder wechseln sie die Fahrzeuge oder müssen laufen. Sie übernachten in engen, unwirtlichen Lagern, werden immer wieder beraubt, auch das Handy hat man ihnen abgenommen. Und oft wissen sie nicht, wo sie sich gerade befinden.

Das Bild zeigt die Familie in Herat in glücklichen Tagen.  - Fotos: p

Irgendwann, es ist der 26. November 2015, begreifen sie, dass sie in Deutschland sein müssen. Sie wagen es, einen Polizeibeamten zu fragen, wo sie sind. „In Stuttgart“, lautet die lapidare Antwort des Beamten. Überglücklich rufen sie Reza an, Masoumas Bruder, der schon seit sechs Jahren in Bonn lebt und für die Deutsche Welle arbeitet. Selbstverständlich ist Bonn auch ihr erstes Ziel in Deutschland. Köln, das Erstaufnahmelager in Gießen und Neustadt bei Marburg sind weitere Stationen ihrer Reise, die am 22. Februar dieses Jahres vorerst im Hotel Birkeneck in Heusenstamm endet – mitten in der Nacht, müde und hungrig. Nach ein wenig Schlaf beschließen sie, etwas Eßbares zu besorgen. Ahmad läuft los und findet das Rewe-Center und einen mobilen Hähnchen-Grill. „Die Hähnchen waren unser erstes Fastfood in Deutschland“, sagt die 27 Jahre alte Masouma voller Stolz. Ihr Mann hat sie und Arshia mit dem Einkauf fotografiert, ein Zeichen der Freiheit. Inzwischen wohnt die Familie im ehemaligen Bürogebäude des Keppler-Verlags. Und sie warten auf eine Entscheidung über ihren Asylantrag. Arshia wechselt jetzt vom Kindergarten in die Vorschule. Freunde hat der Fünfjährige auch schon gewonnen.

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Seit einigen Wochen arbeiten Ahmad und Masouma mit im Zeitungs- und Internet-Projekt „miteinander“, das der Journalist Dr. Franz Zink initiiert hat. Am Donnerstag, 8. September, wird um 19 Uhr auf dem ehemaligen Firmengelände Borsigstraße 1-3 als Teil der Interkulturellen Wochen eine Ausstellung mit Bildern von Reza Shirmohammadi, Masoumas Bruder, und anderen eröffnet, die Afghanistan und die Menschen „auf der Suche nach einer neuen Heimat in Deutschland zeigt. Auch Fotos von Ahmad und Masouma werden zu sehen sein.

Die kleine Familie ist glücklich, fühlt sich sicher in Deutschland, in Heusenstamm. Und Arshia ist ganz besonders glücklich. Denn in wenigen Tagen wird er „großer Bruder“. Masouma erwartet ein Baby, einen Jungen, das wissen sie schon. Und auch sein Name steht schon fest: Daniel.

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