Heusenstammer muss ins Gefängnis

Aus Eifersucht erpresst?

Heusenstamm - Räuberische Erpressung eines Landsmanns oder großherzige Geste nach vietnamesischer Art? Im Prozess um einen 43-jährigen Heusenstammer hat sich das Landgericht Darmstadt für die erste Alternative entschieden. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilte die 15. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt den Besitzer eines Frankfurter Clubs, einen 43 Jahre alten Heusenstammer. Das Gericht bewertete die abenteuerliche Geschichte des Angeklagten als unglaubwürdig. Es sah als erwiesen an, dass sich der Deutsch-Vietnamese am 24. Mai 2015 vier Kreditkarten eines gleichaltrigen Offenbachers in erpresserischer Weise angeeignet hatte und nicht, wie der Verurteilte beteuerte, freiwillig zur Verfügung gestellt bekam. Damit hatte er noch in der gleichen Nacht bei der Commerzbank an der Frankfurter Straße 5 180 Euro abgehoben. Staatsanwalt Christian Dilg hatte vier Jahre Haft gefordert, die Verteidigung plädierte für eine Geldstrafe.

Das Urteil beruht im Wesentlichen auf zwei belastenden Fakten: den vor Gericht gezeigten Überwachungsvideos aus dem Vorraum des Geldinstituts und der Aussage des Opfers. Die Aufnahmen zeigen die beiden Männer, der Angeklagte hebt Geld ab. Eigentlich eine ganz normale Situation, wie sie jeden Tag zig Mal in der Bank statt findet. Doch etwas ist anders: Trotz der nicht hundertprozentigen Bildqualität erkennt der Betrachter eindeutig ein Handlungsumfeld, in dem Druck ausgeübt wird - lockere Zwanglosigkeit fehlt. Glaubt man dem Bericht des Hauptbelastungszeugen, liegt der Geldabhebung auch kein harmloses Vorspiel zugrunde. Der kaufmännische Angestellte erinnert sich: „Ich bekam in der Nacht vom 23. auf den 24. Mai einen Anruf von der Freundin des Angeklagten. Sie sagte, sie habe die letzte S-Bahn verpasst und fragte, ob ich sie am Offenbacher Marktplatz abholen und nach Hause bringen könnte. Ich erfüllte ihr den Wunsch. Bei ihr angekommen ging ich noch mit hoch und wir schauten uns gemeinsam Urlaubsbilder an.“

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Die Frau habe aber nicht, wie der Angeklagte vorwirft, auf seinem Schoß gesessen, als dieser nach Hause kam. Auch habe er sie nicht geküsst. Trotzdem sei der Ex-Freund sehr wütend und eifersüchtig geworden, als er beide auf der Couch „erwischte“. „Er holte zwei lange Küchenmesser und schlug damit auf den Tisch!“, so der Zeuge: „Er befahl mir, die Hosentaschen zu leeren. Ich händigte ihm Autoschlüssel, Handy und mein Portemonnaie aus.“ Mit den Worten „Du hast alles kaputt gemacht!“ und „Du musst bezahlen“ habe der Angeklagte sieben Kreditkarten herausgenommen und ihn genötigt, die PIN-Nummern zu verraten und mit ihm zur Bank zu fahren. „Während der Fahrt hat er noch versucht, mich mit dem Ellenbogen zu schlagen.“ Der Plan, bei einer weiteren Bank Geld abzuheben, schlug fehl. „Seit dem Vorfall trage ich keine Kreditkarten mehr bei mir. Ich schlafe nur noch vier Stunden pro Nacht. Bislang hatte ich immer sehr viel Vertrauen in andere Menschen, das ist vorbei.“ Die Frage, ob er - wie der Angeklagte sagt - der 33-Jährigen freiwillig ein Auto finanzieren wollte und deshalb das Geld freigab, verneint er vehement: „Ich habe sie lediglich in finanziellen Dingen beraten. Ich kenne auch keine vietnamesische Tradition, nach der Männer mit Messern um eine Frau kämpfen, wie er behauptet.“

Die Aussage der jungen Frau, einer Fachangestellten, war auch nicht unbedingt erhellend. Sie schilderte den Ablauf ähnlich wie ihr Ex-Freund als eher freiwillig, widersprach sich aber in einigen Punkten. Alles in allem entstand der Eindruck, sie wolle ihm noch beistehen. Sie hatte dem Opfer kurz nach dem Raub die 2000 Euro zurück gegeben, die ihr der Ex-Freund für ein Auto als Anzahlung ausgehändigt hatte. Auf die Rückgabe des Restes wartet der Geschädigte noch.

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Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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