„Das ist Kunst und keine Sucht“

Heusenstammer Tätowierer gilt als einer der besten

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Roland Erbe.

Heusenstamm -  Roland Erbe ist seit 20 Jahren Tätowierer. Seit 12 Jahren führt er als Inhaber sein eigenes Tattoo-Studio. Er sticht am liebsten große Bilder, die an japanische traditionelle Kunst erinnern. 90 Minuten lang schauten wir ihm bei der Arbeit über die Schulter. Von Yvonne Fitzenberger 

Bunte Bilder auf der Haut sind inzwischen so normal wie gefärbte Haare oder Ohrlöcher. Es ist eine weitere Möglichkeit, seine Individualität auszuleben. Für den Tätowierer ist es aber keine reine Dienstleistung, sondern Kunst auf der Haut. Geht die Tür des Heusenstammer Tattoo-Studios an der Frankfurter Straße auf, begrüßt Rock-Musik den Kunden. Das kleine Studio wirkt vollgestellt: An den roten Wänden hängen Bilder von befreundeten Tätowierern, Zeichnungen und Fotos von Roland Erbes eigenen Werken. Die Motive schwanken zwischen Horrorfilm-Klassikern, Popkultur und japanischer Tradition. Ein Daruma reiht sich ein neben Frankenstein-Spongebob und Totenkopf-Zeichnungen.

Roland Erbe wartet weiter hinten auf seinen nächsten Kunden. Er hat Verspätung. „Erst muss er ein Jahr lang auf seinen Termin warten und dann steht er im Stau“, scherzt der 48-Jährige. Ein Jahr Wartezeit ist bei ihm normal, gehört er doch zu den Besten, die es in der Region gibt. Seine Spezialität sind flächendeckende japanische Tättoos – Drachen und Kois, die fast an Gemälde erinnern. Auf der anderen Seite liebt er realistische Bilder mit 3D-Effekt.

Endlich kommt sein Kunde: Björn Gerber ist 31 und hat sich bereits sieben Mal stechen lassen. Heute kommt Nummer acht dazu, neun wird gleich mitgeplant. „Tätowieren ist keine Sucht“, erläutert der Inhaber: „Die einen kaufen sich neue Klamotten oder gehen zum Friseur, die anderen gönnen sich ein Tattoo. Es ist ein Luxus, den inzwischen viele auf der Haut tragen. Kunst, die viel Zeit und Geld kostet.“

„Hier die Vorlage.“ Erbe zieht aus der Mappe eine Zeichnung des Motivs: Ein Engel, der Whiskey aus einem Fass zapft. Gerber schaut sich die Vorlage ganz genau an: „Kannst du das Glas kleiner und bauchiger machen?“ Er packt aus seiner Tasche ein Glas, das er extra mitgebracht hat. Der Tätowierer grinst und geht an den Tisch. „Deswegen zeige ich so ungern die Vorlage vorher“, sagt er mit Ironie und überarbeitet das Bild. Neben seinem eigenen Arbeitsplatz ist ein Gasttätowierer fertig geworden und berät schon die nächste Kundin. „Ich hätte gerne Scarecrow“, sagt die junge Frau. Erbe taucht aus dem Hinterzimmer auf mit der endgültigen Vorlage in der Hand. Er hat sie gescannt, verkleinert und auf Pauspapier gedruckt.

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Im Stehen markiert er an Gerber, wo das Tattoo sitzen soll: „Wenn du stehst, sehe ich besser, ob es richtig sitzt.“ Erbe muss sich verrenken, damit er die Stelle auf dem Arm genau sieht. Der Tätowierer markiert jede Seite, bevor sich sein Kunde auf die Liege legt. Ehe es los geht, bereitet Erbe die Maschine vor. Die Nadeln sind alle steril verpackt. „Ich benutze nur Einweg-Nadeln. Das ist hygienischer.“ Darauf legt er großen Wert. Alle Arbeitsflächen sind mit Folie überzogen, damit alles sauber bleibt.

Seit zwölf Jahren arbeitet er in Heusenstamm. „Meine Partnerin wohnt hier“, erläutert er. Sie leben zusammen. Vollblut-Vater ist er auch. Es sieht fast aus, wie bei einem Arzt, als der 48-jährige loslegt: Er nutzt ein große Lupe mit Licht, damit er jedes Detail sehen kann. Das Surren der Maschine wird nur von der Rock-Musik im Hintergrund übertönt. „Für das Tattoo brauche ich drei bis vier Stunden“, schätzt Erbe, „wenn Björn den Schmerz aushält.“ Gerber lacht: „Naja, die ersten zwei Stunden sind okay. Danach hasse ich dich wieder!“ Stück für Stück arbeitet sich der Künstler voran. Erst die Outlines, dann allmählich die Schatten, damit er jederzeit unterbrechen kann.

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