„Reinigung dringend geboten“

Tauchen im warmen Schlamm der Kläranlage

+
Langsam lassen seine Kollegen Roland Galler im orangenen Tauchanzug an einem Flaschenzug in den Faulturm absinken.

Heusenstamm - Spätestens alle 25 bis 30 Jahre sollte der Faulturm einer Kläranlage gereinigt werden. An der verlängerten Schlossstraße ist dies nun fällig. Deshalb war gestern ein Taucher in der schlammigen Brühe, um zu untersuchen, was die Fachleute darin erwartet. Von Claudia Bechthold 

Fröhlich kommt der 31 Jahre alte Roland Galler in seinem orangenen Tauchanzug die Treppe hoch. Vom Dach des 17 Meter hohen Faulturms hat er einen schönen Blick auf die Auelandschaft zur Bieber hin. Ob er sich nicht grusele, jetzt gleich in eine schwarze schlammige Brühe steigen zu müssen? „Nein“, antwortet er vergnügt, „ich mache das gern, ich liebe meinen Beruf“.

Akribisch und konzentriert bereiten ihn seine Kollegen derweil für den Tauchgang vor. Sie schließen den schweren Anzug und zurren Gurte fest, an denen Galler später „aufgehängt“ werden soll. Dann bekommt der Taucher noch Bleigewichte an die Füße und an den Körper. Der Helm wird aufgesetzt und festgemacht, noch schnell die Funkverbindung getestet, dann geht es schon los. An einem stählernen Gestell ist ein Flaschenzug angebracht, durch den ein Stahlseil verläuft. Daran hängt Roland Galler, der nun langsam in die warme schwarze Masse abgelassen wird.

Etwa seit Anfang der 80-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war der Faulturm in der 1959 gebauten Heusenstammer Kläranlage nicht mehr leer. Andreas Stolz, seit Januar Leiter der Stadtentwässerung, wusste daher, dass Handlungsbedarf bestand.

Die Wiener Firma „Umwelt-Tauchservice“ arbeitet seit 20 Jahren in Kläranlagen, betont Chef Anton Ulrich. Mit fünf ausgebildeten Tauchern ist er nach Heusenstamm gekommen. Während jeden Tauchgangs muss ein Rettungstaucher bereitstehen. Zudem sollten die Männer bei einem Turm in der Höhe des Heusenstammers nicht länger als eine Stunde unter „Wasser“ sein. Und schließlich hatte Anlagen-Chef Andreas Stolz noch einen zweiten Auftrag. Im „Belebungsbecken“ ist ein Schieber blockiert, der ersetzt werden muss. Die etwa 1,3 Tonnen schwere Klappe muss von einem Autokran herausgehoben werden.

Fotos: Familientag zwischen Schlossmühle und Kläranlage

Schon nach einer halben Stunde meldet Anton Ulrich, der Faulturm sei voller Ablagerungen. Das sind jene Stoffe, die nicht von Bakterien gefressen werden. Aus Sand und Magnesium-Ammonium-Phosphat bildet sich ein schwerer schwarzer Stoff, der sich am Rand des Bodens im Turm ablagert. Wird dieser nicht entfernt, verstopft der Turm allmählich. Außerdem kann nicht mehr so viel Klärschlamm gereinigt werden. Es muss etwas getan werden.

Ein weiteres großes Problem seien Feuchttücher, die sich entgegen der Herstellerangaben nicht im Wasser auflösen, ölhaltige Babytücher, Wattestäbchen und Einweg-Staubtücher, die offensichtlich in großer Zahl in Toiletten landen. Daraus bildet sich eine zähe graue Masse, die sich auf der Oberfläche des Faulturm-Inhaltes absetzt.

Um den Faulturm zu leeren, müsste er etwa ein halbes Jahr lang stillgelegt werden. Daher dürfte die Reinigung des Turms wohl auch wieder an Taucher vergeben werden. Anton Ulrich aus Wien: „Die Ablagerungen werden von den Männern ausgeräumt, ohne dass der Turm außer Betrieb geht. Das dauert acht bis zehn Tage. Außerdem wird nur totes Material entfernt, die wertvollen Bakterien bleiben erhalten. Und es wird auch überprüft, ob an der Technik alles in Ordnung ist.“

Kommentare