Werk von Katherine Branning vorgestellt

Die westliche Brille absetzen

+
Die Journalistin Hilal Akdeniz stellte im Haus der Stadtgeschichte das Werk „Ein Glas Tee nehme ich noch gern“ von Katherine Branning vor.

Heusenstamm - Ein Türke ohne Tee? – Unvorstellbar! Und da gibt es auch keine großen Unterschiede zwischen Männern und Frauen, wie ein erlesener Kreis aufmerksamer Zuhörer im Haus der Stadtgeschichte erfährt.

„Ein Glas Tee nehme ich noch gern“, heißt der Titel eines Buches von Katherine Branning, aus dem die Journalistin Hilal Akdeniz zum Abschluss der Interkulturellen Woche in Heusenstamm rezitierte. Die internationale Frauengruppe Lotus und das Frauenbüro begrüßen zu der Lesung ein Dutzend Besucher. Lotus gehören auch Flüchtlinge an, heißt es, die Mitglieder treffen sich, um sich zu auszutauschen, gemeinsam zu lesen und zu feiern. Ziel der Gemeinschaft sei es, das Zusammenleben der Menschen verschiedener Kulturen zu fördern und sich gegenseitig besser kennen zu lernen.

Zunächst stellt sich Branning-Kennerin Akdeniz vor. Die gebürtige Augsburgerin hat türkische Wurzeln, hält Seminare, Vorträge und Lesungen. Die 37-jährige Mutter zweier Kinder studierte Soziologie und wohnt mit ihrer Familie in Frankfurt. Das Buch, für das sie schwärmt, besteht aus Briefen über Land und Leute, Traditionen und Frauen in der Türkei, die Katharine Branning fiktiv an Lady Mary Montagu richtet.

Die Adlige begleitete 1716 ihren Ehemann, einen britischen Botschafter, in die Türkei und lebte dort rund ein Jahr. Während dieser Zeit verfasste sie zahlreiche Briefe an Freunde und Bekannte in der Heimat, in denen sie das facettenreiche Alltagsleben im Osmanischen Reich sehr lebendig und anschaulich beschrieb. In diesem Stil richtet sich nun Branning an die Lady im 18. Jahrhundert.

Die Autorin hat islamische Künste in Sorbonne studiert, war in Bibliotheken in Paris und New York tätig. 1978 unternahm sie ihre erste Türkei-Reise, hat sich in einem kleinen Ort ein Haus gekauft und spricht fließend türkisch. Sie kritisiert Reiseschriftsteller, die ihren Gastgebern gegenüber „hochmütig, hartherzig und verächtlich auftreten“. Die Schriftstellerin empfiehlt, „sich sehr feinfühlig über fremde Länder zu äußern und die westliche Brille abzusetzen“, denn es gebe „nirgendwo Menschen, die so aufgeschlossen sind wie die in der Türkei“.

Bilder: Fest der Kinderrechte in Heusenstamm

Branning benutzte einen eleganten Füller, eine schöne Handschrift sowie hochwertiges, feines Papier. Sie verstand ihre Briefe als „Respekt und Liebe zum Land“, als Form des Dankes für viele Gläser Tee und die Gastfreundschaft. „Türken trinken ihren Caj am liebsten süß, sehr süß. Vier, fünf Würfel Zucker sind üblich“, beobachtete sie, „nur manche Männer nehmen ihn ganz ohne Zucker“.

Das Nationalgetränk wird traditionell in dünnen, bauchigen Gläsern gereicht. Und legt der Gast die langen, fein verzierten Löffelchen nicht über den Rand des Glases, wird immer wieder nachgeschenkt. „Es ist anstrengend, als Gastgeber die Kontrolle zu bewahren“, schildert Hilal Akdeniz. Auch im Museum gibt es reichlich Tee und Gebäck zur anschließenden Plauderei. (M.)

Kommentare