Vor dem Zerfall festgehalten

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Gil Hüttenmeister mit den Richters und Roland Krebs.

Heusenstamm - Einsam, versteckt liegt der kleine jüdische Friedhof, mitten im Wald, im Norden der Heusenstammer Gemarkung – nicht weit von der Autobahn entfernt. Wer nicht weiß, wo er ist, findet ihn kaum. Von Jürgen Roß 

Nach „zehn Jahren Arbeit“ ist nun ein Buch erschienen, das sich mit den Grabsteinen auf diesem Friedhof befasst. Damit ist erstmals nicht nur dokumentiert, wer dort bestattet wurde. Auch die Inschriften der Steine sind genau wiedergegeben. Auf großes Interesse stieß die öffentliche Vorstellung des jüngsten Buches über einenn Teil der Heusenstammer Geschichte. Der Heimat- und Geschichtsverein hatte dazu gemeinsam mit der Initiative Stolpersteine in das Haus der Stadtgeschichte geladen. Das Werk befasst sich mit dem jüdischen Friedhof in Heusenstamm.

„Nachdem der Zahn der Zeit an den alten Grabsteinen nagt und die Inschriften zu verwittern drohen, wollten wir unbedingt eine Dokumentation erstellen“, erläuterte Sabine Richter-Rauch. Zehn Jahre Vorbereitungs- und Forschungszeit waren nötig, um eine fundierte und möglichst umfassende Dokumentation zu erstellen. Damit die Grabsteine für die Nachwelt festgehalten sind, lichtete der Fotograf Salar Baygan sie ab. Mit geschickter Beleuchtung konnte er die Inschriften der einzelnen Grabsteine herausarbeiten.

Als fundierter Kenner jüdischer Friedhöfe in Europa konnte der Judaist Dr. Gil Hüttenmeister gewonnen werden, der nicht nur die Texte der Grabsteine aus dem Hebräischen übersetzte, sondern auch über die Besonderheiten jüdischen Lebens in Deutschland berichtet. Sein Vortrag stand, umrahmt von nachdenklichen Klavierstücken von Wolfgang Löll, während der Buchpräsentation im Mittelpunkt. Hüttenmeister gab an diesem Abend nicht nur , einen umfassenden Einblick in jüdische Traditionen. Er vermittelte neben aller Ernsthaftigkeit und Betroffenheit auch die heitere, fast humorvolle Seite einer Begräbnisstätte.

Die Geschichte des jüdischen Friedhofs in Heusenstamm geht ins Jahr 1669 zurück, als der jüdischen Gemeinde von Melchior Friedrich von Schönborn ein Friedhofsgrundstück geschenkt wurde. Der Friedhof war die Grablege für Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Heusenstamm, Obertshausen, Weiskirchen, Jügesheim, Dietzenbach und Hainhausen. Bis 1938 wurde er genutzt. Auf den Grabsteinen stehen die Namen sowie Geburts- und Sterbedaten der Verstorbenen, meist ergänzt durch eine Charakterisierung. Nach der jüdischen Tradition waren dies meist kurze Zitate aus der Thora. Hüttenmeister zitierte dabei nicht nur Inschriften aus Heusenstamm, er nannte auch Beispiele anderer jüdischer Friedhöfe.

Dazu zählte das Beispiel eines Totengräbers, auf dessen Grabstein sich ein Vers aus dem Buch Kohelet im Alten Testament stand: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“. Aber auch anrührende Texte zitierte er, etwa von einem Kindergrab auf dem Heusenstammer Friedhof: „Du hast nur einmal uns betrübt, nämlich als du gestorben bist“. Neben den zahlreichen Beispielen der Inschriften und Symbole auf den Grabsteinen konnte Hüttenmeister auch vom jüdischen Leben und den Alltäglichkeiten berichten. So beispielsweise davon, dass die Steinmetze, die die Grabsteine erstellten ausschließlich Christen waren und die hebräischen Inschriften nach einer Vorlage übertragen mussten. Nicht alles, was die Steinmetze in den Sandstein meißelten, war korrekt übertragen. Mancher hebräische Buchstabe wurde falsch dargestellt, so dass es bisweilen zu merkwürdigen Inschriften kam.

Auch das Hebräische selbst war durch regionale Einflüsse und die Diaspora-Situation der Juden stark geprägt und verändert. Hüttenmeister verwies auf eine Inschrift auf dem Heusenstammer Friedhof aus dem Jahr 1882, bei der deutsche Wörter in hebräischen Buchstaben geschrieben wurden. Ebenfalls eine Besonderheit ist die Abbildung eines Kreuzes. Grundsätzlich war dies ein Tabu auf jüdischen Grabsteinen. Einzige Ausnahme: das Eiserne Kreuz, das den gefallenen jüdischen Soldaten im ersten Weltkrieg verliehen worden war, wie etwa auf dem Grabstein für Gustav Meier. Der Friedhof der jüdischen Gemeinde Heusenstamm wurde 1938 von den Nationalsozialisten verwüstet. Nach Kriegsende sorgte die amerikanische Militärbehörde dafür, dass die verbliebenen Grabsteine von den Nazi-Tätern wieder aufgerichtet wurden. Das Buch „Hier ist verborgen… Der jüdische Friedhof in Heusenstamm“ (19,90 Euro) ist erhältlich bei „Das Buch“, Frankfurter Straße 30, oder dem Heimat- und Geschichtsverein.

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