Lesung mit Nadia Qani und Diskussion

Zigaretten als Versteck

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Am interkulturellen „Lebensbaum“ der Künstlerin Parvaneh Sheikh Zeineddin konnten sich alle Besucher der Lesungen und Austellung mit einem kleinen bunten Zweig beteiligen.

Heusenstamm - Interkulturelle Wochen sind ein Angebot, an dem sich das Team „Miteinander - Voice of Refugees“ um Dr. Franz Zink förmlich beteiligen musste. In der ehemaligen Druckerei an der Borsigstraße las jetzt Nadia Qani. Von Annalena Barnickel

Zudem diskutierten Zuschauer über das Gelingen von Integration. Seit gut einem Jahr erleben Deutsche, was es heißt, mehr als einer Million Flüchtlingen Asyl zu gewähren. Doch schon lange vor der großen Flüchtlingswelle des vergangenen Jahres haben viele Menschen in Deutschland Schutz gesucht und eine neue Heimat gefunden. Nadia Qani gehört zu ihnen, sie ist mit 19 Jahren inklusive Hoffnung auf eine bessere Zukunft aus der afghanischen Hauptstadt Kabul geflohen. Jetzt, 36 Jahre danach, sagt sie mit Stolz: „Ich bin eine Deutsche aus Afghanistan.“ Anlässlich der Interkulturellen Wochen stellt sie gemeinsam mit Ethnologin Dr. Anette Rein Passagen aus ihrem gleichnamigen Buch vor. Das Ambiente der ehemaligen Druckerei ist bedrückend – und gleichzeitig passend. Eine Fotoausstellung zeigt Bilder aus einem Land und seiner Menschen aus einer anderen Perspektive.

Der erste Teil ist Erinnerung an ihre Kindheit in Kabul. Erzählungen von ihrer geliebten Oma, die nie müde wurde, ihren Enkeln Geschichten zu erzählen. „Mit ihr reisten wir in Gedanken in ferne Länder“, schwärmt sie. Weniger schön ist die Erinnerung an ihre Flucht. Noch heute - 36 Jahre danach - bekommt Qanis Stimme einen anderen Klang, wenn sie davon spricht. Damit niemand merkte, dass sie ein junges Mädchen aus der Hauptstadt war, durfte sie während der beschwerlichen Reise mit niemanden aus der Gruppe sprechen.

„An der Grenze zu Pakistan wartete die nächste Prüfung auf mich“, erzählt sie, „ich wäre den Grenzposten sofort aufgefallen, deshalb musste ich mich in einem Laster unter der Schmuggelware verstecken.“ Ein Schmuggel in der Schmuggelware also. „Schließlich lag ich auf der Ladefläche unter unzählbaren Zigarettenpackungen und durfte mich weder bewegen, noch einen Mucks von mir geben.“ Es ist ein bunt gemischtes Publikum, das zur Lesung erschienen ist. Jung, alt. Mit Kopftuch oder ohne. Alle sind sichtlich berührt. „Das ist so bewegend“, meint Josefine Busse, „und es stimmt einen nachdenklich“.

Wie werde ich ...? Diplomat/in

Der Alptraum wandelte sich für Nadia Qani zum Glück in das Leben in Deutschland, von dem sie geträumt hatte. Auch wenn der Anfang alles andere als einfach war. „Die Rettung waren meine ersten Nachbarn in Frankfurt, die mir mit einer derartigen Warmherzigkeit und Hilfsbereitschaft begegneten, die mich heute noch strahlen lassen“, erinnert sie sich. Das Thema Integration ist es auch, das vielen Sorgen bereitet. „Wir schaffen das!“, dieser Satz von Angela Merkel schwebt über allen. Aber, können die Flüchtlinge das schaffen? „Es ist immer die Frage, was wir erwarten“, bringt es Bürgermeister Halil Öztas auf den Punkt. „Wollen wir eine programmierte Maschine, die so läuft, wie wir es vorgeben oder möchten wir einen Mensch mit Ecken und Kanten, einen Menschen, der es schafft, sich anzupassen, aber trotzdem seine Identität bewahrt?“ Denn eines sei sicher: Nur wenn beide Seiten aufeinander zugehen, könne Integration gelingen. „Gegen Vorurteile helfen Begegnungen“, schließt Öztas, „der Mensch ist das, was zählt“.

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