Laden und Spielothek ausgeraubt, Frau durch Schuss verletzt

22-Jähriger mit zwei brutalen Überfällen ohne ein Motiv

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Langen/Darmstadt - Die Opfer leiden noch heute: Für zwei schwere Raubüberfälle muss ein Langener nun für siebeneinhalb Jahre ins Gefängnis. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

„Ich bin halt morgens mit der Waffe vor die Tür und spazieren gegangen. Da hab ich diesen Laden gesehen und bin spontan auf die Idee gekommen, da rein zu gehen.“ Vollkommen abgebrüht oder total überspannt? Das Geständnis des 22-jährigen Angeklagten zu seinen zwei schweren Raubüberfällen im November 2015 klingt ein bisschen wie aus einer schlechten Vorabendserie – die Worte sind jedoch genau so vor der vierten Strafkammer des Landgerichts Darmstadt gefallen. Der junge Langener hatte im Abstand von nur fünf Tagen mit übergezogener Kapuze und einer Schreckschusspistole das Schreibwarengeschäft am Wernerplatz und eine Spielothek in der Dieburger Straße um insgesamt 660 Euro erleichtert – einfach so, aus einer Laune heraus. Weder Geldnot, Drogen, Alkohol, Geltungssucht oder sonstige psychische Verwirrungen kommen als Antriebsfeder in Frage – erfahrungsgemäß passt mindestens eins der Attribute bei nahezu 100 Prozent der „normalen“ Angeklagten. Nicht so bei dem jungen Arbeitslosen, der noch bei Papa und Mama wohnt und eigenen Angaben nach gut versorgt ist.

Alle Bemühungen der Vorsitzenden Richterin Cornelia Hartmann-Grimm, dem jungen Mann Brücken zu halbwegs schlüssigen Motiven zu bauen, schlugen fehl – es gab einfach keine. Nach drei Verhandlungstagen verurteilt sie den schon dreimal wegen schweren Raubes einschlägig Vorbestraften zu siebeneinhalb Jahren Haft und folgt damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Rechtsanwalt Andreas Bruszynski hatte in seinem Plädoyer versucht, die Fälle als minderschwer herauszuarbeiten, hielt sich mit einem Antrag zum Strafmaß aber bedeckt: Selbst dem erfahrenen Strafverteidiger machte der wahrlich schwierige Charakter seines Mandanten zu schaffen.

Zu schaffen machen auch den Opfern bis heute die Folgen der Überfälle. Das signalisieren die beiden Frauen deutlich in der Zeugenbefragung. Die 45-jährige Verkäuferin des Schreibwarenladens muss weinen, als sie sich die wenigen entscheidenden Minuten in Erinnerung ruft: „Der letzte Kunde ging um 11.30 Uhr raus, um einen 500-Euro-Schein zu wechseln. Dann kam ein Mann auf mich zu, hielt mir eine Pistole vor die Schläfe und sagte: ,Keine Faxen machen, Kasse öffnen!‘.“

Der Angeklagte habe gezielt hinter einem Regal gewartet, bis er allein mit ihr war. Als sie die Kasse öffnete, habe er sich acht 20-Euro-Scheine gegriffen und sei verschwunden. „Völlig durcheinander rief ich eine Kollegin an, kurz drauf kam eine Nachbarin und die Polizei“, so die Weiskirchenerin. Zwei Wochen sei sie danach nicht mehr aus dem Haus gegangen, noch immer sei sie wegen Angstzuständen in Behandlung. Ihren Job im Laden habe sie aber nicht aufgegeben. Noch schlimmer traf es das zweite Opfer, eine 57-jährige Langenerin, die in der Spielhalle Aufsicht führte. Am 11. November – nachdem er selbst in einer anderen Spielhalle ein paar Euro verzockt hat – entscheidet sich der Täter gegen zwei Uhr nachts spontan zu einem Raubüberfall auf die Spiel-Arena. Wieder hat er die Schreckschusspistole dabei, mit der er die Angestellte dazu bringt, die Kassenschublade zu öffnen.

Spektakuläre und kuriose Raubüberfälle

Doch diesmal bleibt es nicht beim Einsacken der 500 Euro. Im Affekt, aus Angst, wegen der Adrenalinüberdosis oder warum auch immer, drückt der 22-Jährige den Abzug. Die austretenden Partikel und das Explosionsgas treffen die Langenerin an beiden Augen. Der Täter flieht mit der mageren Beute, das Opfer muss in der Höchster Augenambulanz behandelt werden. „Ich hatte eine multiple Fremdkörperverletzung, zum Teil bis tief in der Hornhaut. Ich bin immer noch in Behandlung, muss regelmäßig zum Augenarzt und in die Klinik. Außerdem bin ich in psychiatrischer Therapie“, konstatiert die 57-Jährige.

Wochenlang habe sie Augenschmerzen gehabt und nur schlecht sehen können. Jetzt habe sie wieder angefangen zu arbeiten, bekäme aber immer noch Panikattacken, wenn fremde Leute eintreten. Als der Verteidiger, wie bei der ersten Zeugin, vorsichtige Anstalten für eine Entschuldigungsbekundung macht, wehrt sie ab: „Ich will keine Entschuldigung hören. Er hat mein ganzes Leben zerstört. Warum hat er abgedrückt, obwohl ich die Schublade geöffnet hatte?“

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