Jugendliche formulieren, in Langen der Schuh drückt

Demokratie leben: Eine Pinnwand voller Zukunftsideen

Langen -  Gerne wird der Jugend pauschal vorgeworfen, sie sei eine politikverdrossene Generation, die sich für nichts anderes interessiert als ihr Smartphone. Von Timo Kurth 

Dabei bringen sich junge Menschen mit ihren Ideen durchaus aktiv in das gesellschaftliche Miteinander ein – zum Beispiel im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“, aus dessen Topf die Stadt seit 2015 Gelder bezieht. So waren Jugendliche und junge Erwachsene jetzt im Rathaus willkommen, um zu erörtern, wo in Langen ihrer Meinung nach der Schuh drückt. In der kommenden Zeit sollen weitere Treffen folgen, um das anfängliche Brainstorming weiterzuentwickeln und die eine oder andere Idee womöglich zu verwirklichen.

„Es geht darum, zuzuhören“, sagt Politikwissenschaftler Marco Fatfat von der Awo Offenbach, die das Projekt für die Stadt koordiniert. Die Jugendlichen sollen die Möglichkeit bekommen, ihre Meinung zu äußern und Ideen umzusetzen. Schon seit Monaten gehen die Veranstalter explizit auf Jugendliche zu, indem sie mit Seminaren und Schulbesuchen auf die Chancen des Projekts aufmerksam machen. Jetzt ist die Jugend selbst am Ball: „Wir möchten den Teilnehmern nichts aufzwingen. Deshalb nutzen wir die aktuelle Veranstaltung dazu, Themen zu finden, die sie bewegen“, erläutert Lea Berend vom städtischen Fachdienst für Migration, Jugend und Spielplätze. Als Schnittstelle zum Rathaus ist sie ebenfalls am Projekt beteiligt und in ständigem Kontakt mit der Awo-Koordinationsstelle.

Erwartungsgemäß fällt die Beteiligung beim ersten Zusammenkommen dieser Art zurückhaltend aus. Nichtsdestotrotz: Acht Jugendliche haben sich eingefunden. Ein Anfang, wie Fatfat findet. „Ich bin mir sicher, dass diese Gruppe noch wachsen kann und wird“, sagt er. Ideen gibt es nämlich reichlich, es wird kurzerhand eine Pinnwand genutzt, um die große Fülle der Themen zu sammeln.

Eine jugendlich-lockere Grundstimmung schwebt im Raum und die 16- bis 18-Jährigen lassen die Themenwand schnell wachsen. Dass hier keine Erwachsenen federführend sind, ist bei einigen Kärtchen nicht zu überlesen. „Egelsbach eingemeinden“ heißt es gleich zweimal mit einem Augenzwinkern. Und auch die Forderung nach mehr Fastfood-Restaurants und einem eigenen Starbucks-Cafés um die Ecke steht hoch im Kurs.

Den Kern bilden jedoch ernsthaftere Themen – die Flüchtlingskrise zum Beispiel: „Ich habe einige Ideen für das Zusammenleben zwischen jugendlichen Flüchtlingen und den Einheimischen“, meint beispielsweise Metan Ismail, der vor zwei Jahren selbst aus Syrien kam und bis vor Kurzem in der Flüchtlingsunterkunft in Egelsbach lebte. Unterstützung findet er bei Alina Grätsch, die Ähnliches im Sinn hat. „Auf unserer Schule gibt es zwei Flüchtlingsklassen. Es wäre doch toll, mit denen ein paar Veranstaltungen für ein gelungenes Miteinander auf die Beine zu stellen“, schlägt die Reichwein-Schülerin vor. Ein Thema, das den Koordinatoren der Veranstaltung sicherlich gefällt. Soll das Projekt „Demokratie leben“ doch nicht zuletzt gegen Rassismus und für interkulturellen Austausch werben.

Damit hat sich die Themenpalette jedoch noch lange nicht erschöpft: Ganz klassisch kommt auch die Schulpolitik zur Sprache. „Dass ganze Leistungskurse nicht stattfinden können, weil wir nicht genügend Lehrer haben, ist doch traurig“, wirft Michael Ackermann von der Dreieichschule ein. Ein weiterer Knackpunkt aus seiner Sicht sind die unsicheren Radwege: „Ich finde es ist jeden Morgen aufs Neue abenteuerlich, mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren.“

Bilder zum Fünfstädtetreffen in Langen

Generell vereint die Gruppe der Wille zur politischen Teilhabe. „Ich bin gerade das zweite Mal in meinem Leben im Rathaus. Das zeigt doch, wie wenig wir Jugendlichen eigentlich zu melden haben“, spricht Tim Koluschlag vielen aus der Seele. Der 17-jährige Timo Eicher nimmt den Ball direkt auf und schlägt vor, eine Partei von und für Langener Jugendliche zu gründen. „Dann können wir einen Vorsitzenden wählen, der in engem Kontakt zu Politikern der Stadt steht und unsere Interessen vertritt.“

„Wie wir die Themen letztendlich angehen, steht noch nicht fest“, ergänzt Fatfat während der verdienten Pizzapause im Anschluss an das Brainstorming. Von Eigeninitiative über einen offenen Brief bis hin zu Kooperationen mit Jugendvereinen sei alles denkbar. Sicher ist aber schon so viel: Es wird nicht bei diesem einen Treffen bleiben.

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