Das Stöffche und die Massen strömen

Ebbelwoifest: Feiertage nicht ganz nach Fahrplan

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Egal, ob Sonnenschein oder bedeckter Himmel: Der „Flug“ im Kettenkarussell zu Füßen der Stadtkirche ist ein Erlebnis eines jeden Ebbelwoifests.

Langen - Eine ganze Stadt feiert ihr Ebbelwoifest, das Stöffche fließt in Strömen, Besucher von nah und fern strömen in die Altstadt: So lassen sich Langens Nationalfeiertage Jahr für Jahr beschreiben – 2016 macht da keine Ausnahme. Von Holger Borchard

Und doch strömt zeitweise noch etwas anderes – der Regen. Das Nass aus himmlischen Schleusen schüttelt den Fest-Fahrplan durch wie selten in mehr als vier Jahrzehnten Ebbelwoifest. Heute wird noch gefeiert rund um den Vierröhrenbrunnen und alle wünschen sich eigentlich nur eines: einen trockenen Ausklang des Ebbelwoifests – freilich nur aufs Wetter gemünzt und bloß nicht auf die Kehle. Zu wechselhaft ist das, was seit Freitag hinter Besuchern, Gastwirten und Schaustellern liegt. Los geht’s am Freitag, nach anfänglich schleppendem Start wird’s rund um den Brunnen, im Festzelt und in den Heckenwirtschaften doch noch reichlich voll. Und um 22.30 Uhr ist das Wetter richtig schön – was insofern für leichtes Murren sorgt, als das traditionell zu dieser Zeit beginnende Feuerwerk fünfeinhalb Stunden zuvor angesichts einer Unwetterwarnung auf Sonntag verlegt wurde. Gag am Rande: Spaßvögel schießen ein paar Raketen in die Luft – jetzt sind die Blicke rund um den Brunnen erst recht irritiert...

Samstag, 15 Uhr: Bei der EM stößt gerade Polen gegen die Schweiz an, in Langen öffnet der Himmel die Schleusen. Das traditionelle Singen der Chöre im Kirchschulhof fällt sprichwörtlich ins Wasser. Ohne Schirm geht nix, allem voran beim Gang über den Bachgassenmarkt. Dabei hat der wie üblich so viel Kreatives und Handgemachtes zu bieten. Neue Ohrringe gefällig? Am besten in Schwarz-Rot-Gold, passend zur Fußball-EM? Schmuck, Handgemachtes aus Wolle, Holz, Glas, Filz oder Silber und vieles mehr wird an den Ständen präsentiert; etliche Vereine wie Bienenzüchter oder Caritas-Frauenwerkstatt sind mit dabei – aber leider dominieren Plastikplanen gegen die Nässe das Bild. „Seit wir hier stehen, regnet es in einem durch“, erzählen Annemarie Schmidt, Elke Fernengel sowie Gerda Werner und Horst Rupp-Werner. Sie halten für die Freunde der Stadtkirche die Stellung, bieten wieder Bücher zum kleinen Preis an; gestöbert wird unter Abdeckplanen.

Samstag kurz nach 17 Uhr: Während Polen und Schweizer bei der EM in der Verlängerung spielen, wird das Drehbuch für zwei Festhöhepunkte kurzerhand umgeschrieben. Ebbelwoi-Daaf und Krönung der Ebbelwoi-Majestäten werden vom Brunnen ins Festzelt verlegt. Während fleißige Hände ruck, zuck die nicht mehr benötigte Bühne am Brunnen abbauen, geht Walter Metzger, Vorsitzender des ausrichtenden Verkehrs- und Verschönerungsvereins (VVV), im Zelt in seiner Begrüßung noch einmal auf das verlegte Feuerwerk ein: „Wir müssen ja den Bereich absperren lassen, die Feuerwerker müssen aufbauen. Dafür werden etwa sechs Stunden benötigt. Also mussten wir um 17 Uhr eine Entscheidung treffen und da hatten wir noch eine Unwetterwarnung.“ Recht hat der Mann, mehr gibt’s da nicht zu sagen.

Damit zur Krönung der Ebbelwoi-Majestäten: „29 Proben des Kelter-Jahrgang sind zur Blindverkostung eingereicht worden, vier mehr als voriges Jahr“, weiß Brunnenwirt Heinz-Georg Sehring zu berichten. Auf dem Siegerpodest ein Herrenquartett – „allesamt keine Unbekannten, alle schon mit Ebbelwoi-Meriten bedacht“, verrät Sehring.

Zum Ebbelwoikönig kürt der Brunnenwirt den 54-jährigen Klaus Vogl. Er kelterte nach Ansicht der 50 Ebbelwoiritter in der Jury das süffigste Stöffche. Vogl, der mit dem Ebbelwoi groß geworden ist, von seinem Opa das Keltern lernte und inzwischen berufsbedingt „Langens Ebbelwoi-Botschafter“ in Oberbayern ist, hat damit mit seiner Lebensgefährtin gleichgezogen: Sonja Marunde, die aus Starnberg stammt, kelterte sich 2013 zur Ebbelwoikönigin. Als Prinzen stehen dem König sein Vorgänger Gunnar Strohfeldt (wird morgen 51) sowie Mathias Schäfer (36) zur Seite, der ebenfalls schon Ebbelwoikönig war. Während Strohfeldt in Selbstkelterer-Kreisen nur der „Ebbelwoi-Flüsterer“ genannt wird, weil er seinen Tränken in den Glasballons zuredet, ist Schäfer – zweimal als König und dreimal als Prinz registriert – mit seinem „Haferkasten”-Team für den Ausschank am Brunnen verantwortlich. „Es fließt also Prinzenwein aus den Röhren“, betont Sehring. Dritter unter den Prinzen ist Horst Metzger (66); auch er kennt das Podium, war schon 1980 Ebbelwoikönig und 2014 Ebbelwoi-Prinz. Die Majestäten-Würde liegt in der Familie: Ehefrau Petra war 1993 Prinzessin; Tochter Julia, Jahrgang 1986, schaffte das gleiche Kunststück im vorigen Jahr.

Bilder: Ebbelwoifest in Langen

Feuchtfröhlich wird es dann am Rande des Festzelts: Während die Polen bei der EM die Schweiz im Elfmeterschießen rauswerfen – polnische Fans quittieren’s mit Freudengeschrei und Fanfaren (Schweizer sind nicht auszumachen...) – stößt Verena Jakel unter dem Gejohle der Zuschauer ähnlich spitze Schreie aus, als der Ebbelwoi auf sie niederprasselt und sie vom Scheitel bis zur Sohle durchnässt. Die Vorsitzende des Bienenzuchtvereins Langen und Umgebung sowie drei weitere „Eigeplackte“, die sich Verdienste um die Stadt und ihre Menschen erworben haben, werden vom Brunnenwirt per traditionellem Bembelguss zu echten Langenern gedaaft. In den Genuss der Ebbelwoi-Dusche kommen ferner Eveline Schüller, Stephan Reinhold und Bernhard Keller – eine ausführliche Beschreibung zum Wie und Warum folgt in unserer morgigen Ausgabe.

Während die traditionellen Bestandteile des Fests vor allem „fortgeschrittenen“ Besuchern Spaß machen, ist die Generation U 18 an den Flanken der Festmeile zu finden. An der nördlichen verspricht die Dropzone Nervenkitzel, an der südlichen „Jekyll & Hyde“. Dass der tragende Mast des 41 Meter hohen Ungetüms das Wahrzeichen Big Ben zeigt, freilich mit Schriftzug „Big Bang“, ist am Wochenende nach dem „Brexit“ ein aberwitziges Detail des schillernden Festtrubels.

Nicht verhehlt werden soll zu guter Letzt, dass mancher die große Losbude im Fahrgassenabschnitt vis-à-vis der Alten Ölmühle vermisst. „Sie ist ein Opfer ihrer Größe geworden, weiß Walter Metzger. „Die Bude ist so breit, dass Rettungsfahrzeuge nicht dran vorbei kommen, und die Sicherheit geht nun mal vor. Also nix mit Losen – dafür hängen Glück und Nieten diesmal in einer kleineren Bude an unzähligen Fäden, die darauf warten, von Klein und Groß gezogen zu werden.

Heute noch, dann ist das Ebbelwoifest 2016 rum. Man sieht sich, bis später!

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