Abwasserverband treibt Projekt zur Beseitigung von Schadstoffen voran

Feldversuch mit besseren Filtern

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Die Forschungsanlage wird auf einer 16 mal 14 Meter großen Betonbodenplatte angebracht. Den Spatenstich setzten (von links): Eva-Maria Frei, Edeltraud Lemke vom RP Darmstadt, Dr. Lutz Händel (Ingenieurbüro Unger) und Bürgermeister Frieder Gebardt.

Langen - Vom Kellerlabor in die große Versuchshalle: Ein bundesweit einmaliges Forschungsprojekt an der Kläranlage ist nun offiziell angelaufen. Experten untersuchen anderthalb Jahre lang, wie sie das Trinkwasser am effektivsten vor winzigen Schadstoffteilchen schützen können. Von Julia Radgen

Ist der Testlauf erfolgreich, könnte die Anlage Fördergelder für eine Modernisierung einstreichen. Medikamentenreste, Desinfektionsmittel, Mikroplastik aus Zahnpasta oder Duschgel und antibiotikaresistente Keime – all das tummelt sich in unserem Abwasser. In der Kläranlage wird es gereinigt, die meisten Schadstoffe werden herausgefiltert. Doch die sogenannten Mikroschadstoffe rutschen durchs System, fließen so in Gewässer oder sickern ins Grundwasser – aus dem wiederum Trinkwasser gewonnen wird. „Irgendwann trinken wir Kläranlagenablauf“, spitzt Eva-Maria Frei zu. Sie ist Geschäftsführerin des gemeinsamen Abwasserverbands von Langen, Egelsbach und Erzhausen, der die Kläranlage betreibt. Bei Fischen und Fröschen sollen diese Rückstände biologische Veränderungen hervorrufen, Risiken für den Menschen schließen Wissenschaftler nicht aus. Damit das Trinkwasser sauber bleibt, untersucht der Verband seit fünf Jahren mit der TU Darmstadt praktikable und wirtschaftliche Möglichkeiten, um das Abwasser von Mikroschadstoffen zu reinigen. „Unsere Kläranlage steht in einem hochsensiblen Bereich“, sagt Bürgermeister Frieder Gebhardt, zugleich Vorsteher des Verbands. Das gereinigte Abwasser fließt über den Hundsgraben durch das hessische Ried, das wichtigste Trinkwasserreservoir in Rhein-Main.

Bisher analysierte der Verband in Kellerlaboren seines Verwaltungsgebäudes Wasserproben. „Jetzt geht der Test in den Großversuch unter realistischen Bedingungen“, sagt Frei. Dafür errichtet das Darmstädter Ingenieurbüro Unger auf einer etwa 16 mal 14 Meter großen Betonbodenplatte eine Halle mit der notwendigen Maschinen- und Steuerungstechnik. Die Versuchsanlage wird dann in fertigen Einheiten angeliefert und eingesetzt. Ende September beginnt die Arbeit an der Versuchanlage, die über vier statt der nur drei in der Kläranlage vorhandenen Reinigungsstufen verfügt.

Die Methoden anderer Anlagen kann der Abwasserverband nicht übernehmen. „Wir haben keinen Sandfilter, das macht unsere Anlage besonders“, erklärt Frei. In den 90er Jahren habe man diesen in viele Kläranlagen eingebaut, in der hiesigen werde er nicht benötigt. „Unsere Forschung ist für diese Variante deutschlandweit einzigartig und daher wegweisend“, sagt Frei. Das Land unterstützt das Pilotprojekt finanziell. Das Regierungspräsidium Darmstadt steuert 877 500 Euro bei, 250 000 zahlt der Verband.

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Neben dem regulären Betrieb fließen fortan etwa 20 Kubikmeter die Stunde, etwa fünf Prozent des gesamten Abwassers, in die Forschungsanlage. In besagter vierten Reinigungsstufe filtern verschiedene Mechanismen die Mikropartikel heraus. Im Tuchfilter bleiben sogenannte schwebende Partikel hängen, die feinere Membran erwischt Keime, Viren und Mikroplastik. Zusätzlich wird Phosphor aus dem Wasser gezogen. „Das müssen wir ohnehin, weil der Gesetzgeber die Grenzwerte senkt“, sagt Frei. Hinter der Tuch- und Membranfiltration sitzt die Aktivkohle, die die herausgefilterten Schadstoffe aufnehmen und Medikantenrückstände entfernen soll. Dafür benutze man wiederverwertbare Kohle, so Frei.

Vor einem Jahr begann die Planung. Obwohl sich der Start verzögert hat, was die Geschäftsführerin auf das ausgelastete Baugewerbe und notwendige Anpassungen des Versuchs zurückführt, liege man „gut im Zeitplan“. 18 Monate lang werden die Methoden getestet. Sollte das 1,1 Millionen Euro teure Projekt erfolgreich sein, stellt das RP Darmstadt in Aussicht, dass die Langener Kläranlage Fördergelder zum Bau einer vierten Reinigungsstufe erhält. Für den Abwasserverband wäre das eine Win-Win-Situation. „Wir hätten die weitere Filtrationsstufe ohnehin einbauen müssen, um die niedrigeren Grenzwerte für Phosphor erfüllen zu können“, sagt Frei. Dann sei es nur logisch, die Anlage – mit Mitteln vom Land – so umzurüsten, dass sie auch die anderen winzigen Schadstoffteile herausfiltern kann. Das sei eine Investition für die Zukunft: „Wir machen das für nachfolgende Generationen.“

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