Prozess in Langen  

Glücksspiel, Raub und Kampfszenen

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Mit Elektroschocks soll der Angeklagte sein Opfer traktiert haben.

Langen/Darmstadt - Schwerer Raub oder ein verpatztes Kokaingeschäft? Ein Fall, der sich Anfang des Jahres in Langen abgespielt hat, gibt der Justiz Rätsel auf. Von Silke Gelhausen-Schüssler 

Im Mittelpunkt des Prozesses steht ein 31-Jähriger Rodgauer, der sein Opfer mit Elektroschocks malträtiert und um sein Geld gebracht haben soll. An die Nacht vom 11. auf den 12. Januar hat der Nebenkläger, ein 28 Jahre alter Mann aus Erzhausen, bitterböse Erinnerungen. Zunächst freute er sich im Langener Billardcafé in der Gartenstraße über den Gewinn von 700 Euro. Im Portemonnaie hat er zusätzlich 200 bis 300 Euro von einem Spielothek-Besuch in seiner Heimatstadt und mehrere hundert Euro von seinem wenige Tage zurückliegenden Geburtstag. Ein 31-jähriger Mann aus Rodgau-Dudenhofen soll die Gewinnausschüttung beobachtet und den ahnungslosen Glückspilz später unter dem Vorwand, noch woanders mit ihm Feiern gehen zu wollen, in seinen Fiat gelockt haben. Am Parkplatz des Freibads soll er das Opfer dann mit einem Elektroschocker malträtiert, bedroht, geschlagen und ausgeraubt haben.

So lautet die Anklageschrift vor der ersten Strafkammer des Landgerichts Darmstadt, vor der sich der Rodgauer diese Woche verantworten muss. Doch gleich am ersten Verhandlungstag zeigt sich, dass die Sachlage ein wenig komplizierter ist. Verteidiger Thorsten Tuma verliest eine Erklärung, die ein ganz anderes Licht auf den Geschädigten und Nebenkläger wirft.

Demnach kennen sich die beiden seit Herbst 2015 aus einem Bekanntenkreis, in dem Drogengeschäfte abgewickelt werden. „In dieser Nacht haben sie sich zufällig im Billardcafé getroffen und der Nebenkläger hat meinen Mandanten gefragt, ob er ihm 25 Gramm Kokain besorgen könne.“ Sein Mandant habe weder gesehen, wie viel Geld der andere dabei hatte noch, dass er den Automaten leergeräumt habe, weil er sich mit dem Wirt unterhielt, konstatiert der Anwalt. Pro Gramm seien 60 Euro Kaufpreis vereinbart worden und der Angeklagte habe den Stoff besorgt. Um den Deal im Verborgenen abzuwickeln, seien beide zum Freibad gefahren. Tuma: „Dort wollte der Käufer ohne Bezahlung mit dem Beutel türmen. Mein Mandant lief hinterher und es gab eine Rangelei, bei der sich beide verletzten. Es gelang ihm, den Plastikbeutel aus der Hosentasche zu ziehen. Dabei zog er auch die insgesamt 1600 Euro mit heraus.“

Der Entschluss, das Geld zu nehmen, sei erst in diesem Moment gefallen. Der Abschluss der Geschichte deckt sich dann wieder mit dem, was der Nebenkläger zu Protokoll gibt: Der Angeklagte startet den Motor und rollt an. Der Beraubte versucht ihn zu stoppen, indem er sich auf die Motorhaube schmeißt und am Scheibenwischer festhält. Er kann sich jedoch nicht halten trägt eine Gehirnerschütterung, diverse Prellungen, Hämatome, weitere Abschürfungen und eine Platzwunde davon.

Spektakuläre und kuriose Raubüberfälle

Ein verpatztes Kokaingeschäft also? Die Schilderung des Raubüberfalls klingt da zwar plausibler, weist aber so viele Ungereimtheiten auf, dass Staatsanwalt und Verteidiger den Nebenkläger in ein Kreuzverhör nehmen. Nicht zuletzt, weil der Erzhausener bei der Polizei Angaben gemacht hat, die nun nicht zu seiner Aussage vor Gericht passen. Auch gibt er zu, den Rodgauer zu kennen.

Dass der Angeklagte so oder so kein unbeschriebenes Blatt ist, zeigt eine weitere Anzeige seiner Ex-Freundin aus Langen. Sie gibt an, er habe ihr mehrfach die EC-Karte gestohlen und damit Geld an Bankautomaten abgehoben – insgesamt 16.648 Euro. Als der 31-Jährige nach der Trennung von der Anzeige gegen ihn erfährt, soll er die junge Frau zu ihrem Auto gelockt, an den Haaren auf den Beifahrersitz gezerrt und zehn Mal mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Erst nach verzweifelten Beteuerungen, die Anschuldigung zurückzunehmen, ließ er von ihr ab. Der Prozess wird fortgesetzt.

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