„Zumindest gut für die Dramaturgie“ 

Hausfriedensbruch beschert Aktivist eine Geldauflage

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Langen - Wegen seiner Protestaktion auf der für den Kiesabbau freigegebenen Fläche im Stadtwald ist der Dreieicher Aktivist Peter Illert mit einer Anklage wegen Hausfriedensbruchs konfrontiert. Das Verfahren wird gegen eine geringe Geldauflage eingestellt. Von Cora Werwitzke 

Der Umweltschützer nutzte seinen Auftritt im vollen Saal des Langener Amtsgerichts, um auf die Schutzbedürftigkeit des Forsts aufmerksam zu machen. Peter Illert (55) kennt den Stadtwald und das inzwischen gerodete Areal seit seiner Kindheit. Zehn Radminuten sei es von seinem Zuhause in Dreieich entfernt, skizziert er vor Gericht seine persönliche Betroffenheit. Am 23. Februar – einen Tag, nachdem die Firma Sehring grünes Licht für den Abbau bekommen hatte – betrat Illert morgens das eingezäunte Gelände, spannte Wollfäden zwischen Bäume und hängte Transparente auf. Erst als Sehring-Mitarbeiter die Polizei riefen und die Beamten mit Illert redeten, verließ der Aktivist das Gelände. Was folgte, war eine Anzeige des Langener Kiesabbau-Unternehmens wegen Hausfriedensbruchs. Für den als Altenpfleger tätigen Dreieicher ist es die zweite Erfahrung vor Gericht, nachdem er bereits 2011 wegen gemeinschaftlicher Nötigung im Zuge der Stuttgart-21-Proteste verurteilt wurde.

Um Erläuterungen für seine Aktion ist Illert im Gerichtssaal nicht verlegen. Als Mitglied der Aktivistengruppe Robin Wood schickt er zunächst „ein paar allgemeine Einlassungen“ voraus, wie er es formuliert: Die Wälder seien zunehmend stressgeplagt, die Artenvielfalt schrumpfe, Lichtverschmutzung und Klimawandel trügen ebenfalls ihren Teil zur Gefährung bei. Der Schutz des Waldes liegt in Illerts Augen im öffentlichen Interesse. Im Fall der Rodung am Waldsee fühlte er sich verpflichtet, „persönlich etwas zu tun“. Natürlich wisse er, dass er die Rodung nicht hätte stoppen können, sagt Illert, mit Holzerntemaschinen lege er sich nicht an. Die Fadenaktion sei ein symbolischer Akt gewesen, um die Verbindung zwischen den Bäumen zu illustrieren und Sperren anzudeuten. Die Transparente seien an das hessische Umweltministerium, das Regierungspräsidium und nicht zuletzt die Firma Sehring adressiert gewesen. Letztere ist nach den Worten des Angeklagten „in Langen eine Macht mit einem großen Netzwerk und persönlichen Verbindungen“.

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Zur Rekonstruktion der Ereignisse betritt einer jener Polizisten den Zeugenstand, der Illert auf dem Gelände antraf. Seinen Angaben nach leistete der Angeklagte keinen Widerstand: „Wir haben uns unterhalten, dann ist er mitgegangen.“ Bleibt die Frage, wie der Aktivist überhaupt auf das Gelände gelangt ist. Nach den Worten des Polizisten ist der Bauzaun hoch und durchgängig. Illert und sein ehrenamtlicher Rechtsbeistand Peter Schwarz von der Initiative Robin Wood beschreiben dagegen, dass Segmente offen seien. „Für das Wild“, sagt Illert. Die Lücken im Zaun seien bis zur Rodung aber auch noch rege von Waldbesuchern genutzt worden.

Bilder: Bannwald erhalten oder Kies abbauen?

Rechtsbeistand Schwarz pocht dann auch darauf, dass das Abbaugelände bis in die Morgenstunden des Rodungstags der Allgemeinheit noch zugänglich war und am Tattag zu keinem Zeitpunkt über die veränderten Zugangsvoraussetzungen informiert worden sei. Den entsprechenden Beweisantrag quittiert Richter Johann Sebastian Michels mit der Frage, ob Illert sein Vorhaben denn abgebrochen hätte, wenn ihm die Rechtslage klar gewesen wäre. „Nun, ich war da sehr bewusst“, räumt Illert ein. Ob er die Anzeige provoziert habe, um Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, verneint er: „Auf die Anzeige hätte ich gut verzichten können, aber sie ist natürlich für die Dramaturgie interessant.“ Richter Michels wundert ferner, dass der Aktivist einen Protestort wählte, an dem ihn außer Holzfällern niemand sah. Der Umweltschützer gibt darauf zu Protokoll, dass er mit der ungewöhnlichen Aktion hervorstechen wollte, und äußert mit Blick auf die Öffentlichkeitswirkung: „Das ist schon rumgegangen.“

Bei aller Nachvollziehbarkeit, die Richter Michels den Schilderungen des Angeklagten bescheinigt, wird Illert dazu verpflichtet, 500 Euro zugunsten der Langener Tafel zu zahlen. Im Gegenzug wird das Verfahren gegen ihn eingestellt. Damit erklären sich alle Seiten einverstanden. Michels schließt die Verhandlung mit den an Illert adressierten Worten, dass er doch künftig Wege des Protests wählen möge, die nicht mit dem Gesetz in Konflikt stehen.

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