Ironman-Start am Waldsee

Im Gänsemarsch zur ersten Tortur

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Wer sucht, der findet: Jeder Athlet hat seine Ausrüstung in einem nummerierten Beutel verstaut.

Langen - Der für die Athleten „längste Tag des Jahres“ beginnt am frühen Sonntagmorgen: Zwischen 6. 30 und 7 Uhr stürzen sich knapp 3000 Triathleten in den Waldsee; Auftakt für die Ironman-Europameisterschaft. Ein Spektakel, das tausende Zuschauer vom Ufer aus bejubeln. Von Markus Schaible 

Die junge Französin mit Buggy und vier Kleinkindern im Schlepptau ist völlig aus dem Häuschen. Durch einen schmalen, von einem Tor verschlossenen Durchlass in der Hecke schreit sie eine Tirade an Anfeuerungen in die Wechselzone. Dort hat ihr Mann gerade seine „Bike Gear Bag“ (also den Plastikbeutel mit den Radfahrklamotten) geschnappt und rennt nun ins Umkleidezelt. Er liegt gut in der Zeit. Viele andere sind noch im Wasser. Denn 3,8 Kilometer im See sind viel. Sehr viel.

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Es ist Raceday – bei einer internationalen Veranstaltung wie dem Ironman geht es nicht ohne englische Begriffe. Im 15. Jahr ist der Waldsee der Schauplatz zum Auftaktschwimmen für die Europameisterschaft. Und jedes Mal wieder herrscht eine außergewöhnliche Stimmung im Strandbad. Dieses Mal noch früher als sonst. Durch die Änderung des Startmodus ertönt der erste Donnerschlag bereits um 6.30 Uhr – die männlichen Profis machen sich auf. Um 6.32 Uhr tönt die Kanone erneut: Start der weiblichen Profis.

„Für diese drei Donnerschläge muss ein eigenes naturschutzrechtliches Genehmigungsverfahren erfolgen“, plaudert Joachim Kolbe, Geschäftsführer der Bäder und Hallenmanagement Langen GmbH und damit Chef des Strandbads, aus dem Nähkästchen. Eben erklingt der dritte – Startsignal für die Amateure. Die stürzen sich nicht mehr wie früher alle gleichzeitig ins Wasser, sondern nach und nach binnen 20 Minuten. Und so geht es jedes Mal, wenn eine weitere Zone (die Athleten sollten sich gemäß ihrer erwarteten Zeit eingruppieren) geöffnet wird, im Gänsemarsch Richtung Start.

Als die letzten losschwimmen, sind die Profis schon auf der langen Gerade zum Ausstieg. Unter dem Jubel der Zuschauer geht es dann durch den Sand nach oben in die Wechselzone. Die Topathleten erledigen das im Laufschritt – viele andere, die später kommen, sind da deutlich langsamer unterwegs. Wobei man sich oft täuscht: Nicht wenige Amateure, die augenscheinlich völlig erschöpft dem Wasser entsteigen, legen plötzlich ein enormes Tempo vor, um aufs Fahrrad zu kommen.

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Hinter den Umkleidezelten fliegen derweil die Bike Gear Bags durch die Luft, um von Volunteers (freiwilligen Helfern) aufgefangen und in die Dropbox befördert (auf große Haufen geworfen) zu werden. Schließlich soll ja jeder Athlet am Ende des Tages seine Utensilien wiederbekommen.

Während das Publikum vom HR, der mit Fernseh- und Radioteams da ist und das Strandbad bedröhnt, bereits mit Infos von der Spitzengruppe auf der Radstrecke versorgt wird, nimmt der Strom der Schwimmer, die durchs erste Etappenziel kommen, langsam ab. Auch die Zuschauer zieht es in immer größeren Gruppen weg; viele machen sich auf den Weg gen Frankfurt, um das Rennen weiterzuverfolgen. Doch wie immer bleiben einige übrig, um auch den letzten Schwimmer aus dem See zu klatschen; Bürgermeister Frieder Gebhardt ist einer von ihnen. Es wird, wie es ein HR-Mann ins Mikro spricht, „ein ganz enges Höschen“ für die hintersten. Der allerletzte Ballon ist zu weit entfernt, als das der Schwimmer noch in der erlaubten Zeit (2:20 Stunden) ins Ziel kommen kann, doch Ralf Schubert aus Frankfurt schafft es als 2768. gerade noch – und wird in der Wechselzone gleich interviewt. Ein tiefes „Uff“ ist das Erste, was aus den Boxen von ihm zu hören ist. Gefolgt von der Erklärung, dass er normalerweise deutlich schneller sei, aber „heute ist mein ganzes Leben beim Schwimmen vor mir Revue passiert“.

Um 9.30 Uhr können auch die Helfer von DRK und DLRG aufatmen. Sie hatten reichlich zu tun. Deutlich mehr Abbrecher als sonst habe es – vermutlich aufgrund der niedrigen Temperaturen – gegeben, berichtet Dr. Matthias Bollinger, Kreisleiter der DRK-Wasserwacht Frankfurt. Etwa 20 von ihnen müssen wegen Unterkühlung oder Schmerzzuständen behandelt werden, einige werden sicherheitshalber ins Krankenhaus gebracht. Zudem erfordert ein Sturz im Radbereich den Einsatz der Ersthelfer. „Alles aber nichts Lebensbedrohliches“, bilanziert Bollinger. Damit ist Teil eins des längsten Tages schon mal gut über die Bühne gegangen.

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