Neuer Bildband von Ingo Arndt

Geo-Fotograf auf den Spuren von wilden Grasland-Bewohnern

+
Packende Tierfotografien, filigrane Grashalme, Aufnahmen aus einem Bambuswald in 256 Sichuan (China) – Ingo Arndt hat in seinem neuen Buch alles zusammengetragen, was mit dem Lebensraum Gras zu tun hat. Für die Aufnahmen reiste er mit Ehefrau Silke rund um die Welt – und versteckte sich auch mal unterm Tarnnetz auf einem Boot im Donaudelta.

Langen - Ein Buch über Gras – das klingt nicht gerade spannend. Doch wenn einer der weltbesten Naturfotografen dahintersteckt, wird ein Meisterwerk daraus: Der Langener Ingo Arndt ist zweieinhalb Jahre dafür rund um den Globus gereist, meist in Begleitung seiner Frau Silke. Von Markus Schaible

Die Grafikdesignerin hat einen großen Anteil am Gesamtprojekt, das nicht nur aus dem Bildband GrasArt besteht. Tief geduckt schleicht der Puma auf der Doppelseite 28/29 durch die Pampa Patagoniens. Gleich zweimal ist Ingo Arndt ganz in den Süden Südamerikas gereist, denn er wollte die scheuen Raubkatzen auf jeden Fall vor die Kameralinse bekommen. Nachdem er beim ersten Mal erfolglos war, geht er beim zweiten Versuch mit bis zu vier ortskundigen Guides auf die Pirsch. Die Einheimischen postieren sich auf Hügeln und Bergkuppen, ausgerüstet mit Funkgeräten, und werden bald fündig: „Ich habe so viele Pumas fotografiert wie vor mir wohl keiner“, sagt Arndt. Seine Augen funkeln – auch nach mehr als 25 Jahren als Profi-Naturfotograf ist er immer noch mit unglaublicher Leidenschaft dabei.

Und er hat eine Mission: Er möchte den Menschen die Schönheiten der Natur nahebringen und sie somit von der Notwendigkeit ihres Schutzes überzeugen. Welchen Stellenwert Gras auf unserer Welt hat, ist den meisten wohl gar nicht bewusst: „Neben den Ozeanen und den Wäldern ist es der dritte große Lebensraum auf der Erde, es bedeckt ein Drittel unserer Landoberfläche, dort gibt oder gab es die großen Tierherden“, sagt der 48-Jährige, der seit mittlerweile 19 Jahren mit seiner Frau in Oberlinden lebt. Die Idee, einen Bildband über Gras und die dort lebenden Tiere zu machen, kam ihm bei einer Autofahrt: „Ich fahre gerne Auto, das ist so schön meditativ. Da habe ich die besten Einfälle.“ Nachdem sein Buch ArchitekTier (2013) sehr erfolgreich war, dachte Ingo Arndt schon länger über einen Folgeband nach. Und so ist auch GrasArt wieder eine Kombination aus Wildlife- und Studioaufnahmen geworden.

Wobei das Studio nicht in Langen oder irgendeiner anderen Stadt steht: „Wir haben ein Lichtzelt als mobiles Studio dabei, das wird dann vor Ort aufgebaut. Dann machen wir ein bisschen Ikebana, arrangieren die Gräser, um mit extremen Makroaufnahmen Details von wenigen Millimetern Größe fotografieren zu können“, erklärt der Mann, der bereits mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet und zum Europäischen Naturfotografen des Jahres und Wildlife Photographer of the Year gekürt wurde. In diesem Zelt kann er die Gräser vor weißem Hintergrund ablichten – sie sind für das Buch also nicht extra freigestellt worden. Problem ist dabei allerdings der Wind, der oft über solche Landschaften pfeift.

Das sind die besten Pressebilder des Jahres 2015

Aber nicht nur mit extremen Bedingungen muss Arndt umgehen können. Wer spektakuläre Bilder von gefährlichen Tieren machen (und die Begegnung auch überleben) will, muss trickreich sein. Für die detailreiche Nahaufnahme eines Alligatorkopfs etwa besorgte sich Arndt eine sechs Meter lange Teleskopstange, an deren Ende er die Unterwasserkamera anbrachte. „Wir hatten uns für unsere Zeit in den Everglades ein Häuschen gemietet, das zum Glück einen Pool hatte. Meine Frau musste dann den Alligator spielen, damit ich üben konnte, damit umzugehen.“

Trotzdem dauerte es fast zwei Wochen, bis die faszinierenden Aufnahmen von „Jack“ gemacht waren. „Im Nationalpark darf man aus Sicherheitsgründen nicht so nah an die Tiere ran. Also sind wir ins Indianerreservat. Dort lebt Jack unter dem Steg eines Airboat-Verleihs. Insofern ist er zumindest Lärm und Menschen gewöhnt.“ Die große Unterwasserkamera war dem Tier dennoch nicht geheuer – die Aufnahme mit dem aufgerissenen Maul entstand, als Jack in die Kamera beißen wollte.

„Wir haben für das Projekt die wichtigsten Grasländer der Welt besucht“, blickt der Fotograf auf die vergangenen zweieinhalb Jahre zurück: die Savanne in Afrika, die Prärie in Nordamerika, die Steppe in der Mongolei und die Pampa in Südamerika. Und dabei Erschreckendes festgestellt: „Von den Great Plains, also dem einstigen ,Indianer-Grasland‘, sind gerade noch vier Prozent übrig“, berichtet Arndt. „Noch unangetastete Prärie zu finden ist fast unmöglich.“ Es gebe zwar Grasland-Schutzgebiete, die aber seien in katastrophalem Zustand: „Völlig überweidet. Und überall stehen Zäune und Fracking-Türme.“ Um überhaupt an gute Fotos zu kommen, suchte der Langener große, private Ranches auf – unter anderem die von Medienmogul Ted Turner, auf der auch „Der mit dem Wolf tanzt“ gedreht wurde. Dort musste er allerdings von außerhalb der eingezäunten Flächen fotografieren, da er keine Genehmigung zum Betreten hatte. Geklappt hat es trotzdem mit den Bildern der Bisonherden.

Auch die großen Herden der Mongoleigazellen bekam er dank großer Ausdauer vor die Kamera. „Die Steppe der Mongolei war mit das Beeindruckendste“, schildert er. „Da fährt man tagelang, ohne eine Menschenseele zu treffen.“ Was aber auch schnell zum Problem werden kann, wenn man wie Arndts und ihr Zwei-Mann-Team nur mit einem Auto unterwegs ist: „Wenn es regnet, ist die Gefahr groß, stecken zu bleiben und den Wagen nicht wieder freizubekommen.“

Perspektive pur: Fotos und Videos im Panoramaformat

Wochenlang waren sie unterwegs, immer auf der Suche nach den Gazellen. Dabei musste Arndt dem Fahrer erst einmal beibringen, dass ein Fotograf ganz andere Anforderungen stellt als ein Jäger. „Der ist in einem Wahnsinnstempo neben den Tieren hergerast.“ Dass die Gazellen gejagt werden, machte es dem Naturfotografen nicht leichter. „Die Herden stellen Wachposten auf und schon, wenn man sich auf zwei oder drei Kilometer nähert, setzen sich tausende Tiere in Bewegung.“ Allerlei Tricks wurden ausprobiert – letztlich stand Arndt überraschend einer Herde von 30.000 Tieren gegenüber. „Das ist das bislang schönste Buch, das wir gemacht haben“, blickt Ingo Arndt mit Stolz auf den Bildband. „Da haben wir extrem viel Zeit reingesteckt.“ Die Gestaltung übernahm wieder seine Frau Silke, die gestern ihren 50. Geburtstag feiern durfte.

Parallel zum Erscheinen des Buches ist im aktuellen Geo eine Geschichte über Bambus („Auch Schilf und Bambus sind Gräser, das haben wir als Überraschung mit zwei Kapiteln mit ins Buch gepackt.“) zu finden. Im Geo-Dezemberheft kommt dann die große Gras-Geschichte. „Danach werden Fotostorys weltweit folgen“, gibt der Langener einen Einblick ins Gesamtprojekt: „Normalerweise sind das so 25 bis 30 Folgegeschichten von Deutschland über die Schweiz bis USA.“ Einen Kalender wird es ebenso geben wie eine Ausstellung; sie wird im Mai 2017 im Naturkundemuseum Reutlingen eröffnet und später auch im Senckenberg Museum Frankfurt zu sehen sein.

256 Seiten Natur pur

GrasArt, der neue Bildband von Ingo Arndt, ist erschienen im renommierten Verlag Knesebeck (ISBN 978-3-86873-881-0, 49,95 Euro). Auf 256 Seiten finden sich 200 Farbbilder; dazu gibt es erläuternde Texte des Verhaltensforschers und Sozialbiologen Professor Dr. Jürgen Tautz. Erhältlich ist zudem eine hochwertige Sammlerausgabe in der Kassette mit vier handsignierten Prints (400 Euro). Weitere Infos: grassland.ingoarndt.com und www.ingoarndt.com.

Kommentare