Wer lügt, bleibt im Dunkeln

Rodgauer kann Raub vor Freibad nicht nachgewiesen werden

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Das Langern Freibad von oben betrachtet.

Langen - Es kommt nicht oft vor, dass aus dem Vorwurf des schweren Raubs vor Gericht ein einfacher Diebstahl wird. Doch genau so fiel das Urteil nun aus, das das Landgericht Darmstadt im Nachgang einer Tatnacht fällte, in deren Verlauf zwei Männer einen Drogendeal auf dem Parkplatz des Freibads anzettelten – und an die beide ganz unterschiedliche Erinnerungen haben. Von Silke Gelhausen-Schüssler 

Tatort Freibadparkplatz: Um 1600 Euro hat dort ein Rodgauer einen Mann aus Erzhausen am frühen Morgen des 12. Januar gebracht. Doch unter welchen Umständen das geschah, dazu gibt es stark auseinandergehende Schilderungen – beide durchaus glaubwürdig. Ohne Zeugen steht Aussage gegen Aussage. Der ersten Strafkammer des Landgerichts Darmstadt blieb deshalb keine andere Wahl, als den Angeklagten „nur“ zu acht Monaten Haft wegen Diebstahls zu verurteilen. Trotzdem wird der 31-Jährige länger hinter schwedischen Gardinen sitzen. Denn die aktuelle Tat geschah unter laufender Bewährung: Er war erst im November vom Amtsgericht Offenbach wegen gewerbsmäßigen Einbruchdiebstahls zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Beim Bundeszentralregister finden sich darüber hinaus weitere Einträge zu gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Freiheitsberaubung.

Der Vorfall am Freibad hat eine Vorgeschichte im Billardcafé in der Gartenstraße: Dort gewann der 28-jährige Kfz-Mechaniker aus Erzhausen 700 Euro am Spielautomaten. Außerdem hatte er mindestens 200 Euro aus einer Erzhauser Spielothek und „Geburtstagsgeld“ dabei – alles in allem rund 1600 Euro. Das spätere Opfer gibt an, dass der Angeklagte den Glücksgriff im Billardcafé wohl mitbekommen und ihn unter dem Vorwand, noch woanders feiern zu gehen, in sein Auto gelockt habe. Am Freibadparkplatz habe man noch eine dritte Person erwartet. Dieser Club-Kumpel sei nicht aufgetaucht, stattdessen habe der Rodgauer einen Elektroschocker an seinem Hals ausgelöst. Der Geschädigte: „Durch die Schockstarre habe ich zunächst nicht die Beifahrertür aufbekommen, musste mit ihm kämpfen. Als ich es dann schaffte, zu fliehen, hat er mich eingeholt, geschlagen und mit einem Messer bedroht. Dann hat er mir das Geld abgenommen.“ Auf die Fragen von Staatsanwalt Thomas Haug, wie er im Auto kämpfen konnte, wenn er noch nicht mal die Tür aufbekam, wie das Messer aussah und wie es der Angeklagte hielt, kann der Erzhausener nicht antworten. Details bleiben unstimmig.

Der Angeklagte setzt – durchaus detailreich – auf eine ganz andere Variante der Geschichte, kurz gefasst: eine verpatzte Drogenübergabe. Er habe mit dem Erzhausener schon öfter Kokaingeschäfte abgewickelt. „Im Billardcafé hat er mich gefragt, ob ich ihm 25 Gramm Kokain besorgen könnte“, schildert er. „Ich habe zugestimmt, hab das Zeug organisiert und bin mit ihm auf den Schwimmbadparkplatz gefahren – es musste ja niemand mitbekommen.“ Dort habe er das 1500 Euro teure Pulver herausgeholt, der Käufer habe dies gegriffen und sei damit Richtung Wald geflüchtet. „Ich hole ihn ein, er packt mich an die Hoden. Das tat höllisch weh, deshalb hab ich ihm ein paarmal ins Gesicht geschlagen, damit er loslässt!“ Irgendwann sei sein Kontrahent zu Boden gegangen, da habe er in die Hosentasche gegriffen und neben dem Drogenbeutel auch die 1600 Euro herausgezogen. „Die hab ich auch genommen, bin zum Auto zurück und abgehauen“, beendet der Angeklagte seine Fassung. Auch hier gibt’s an der einen oder anderen Stelle Fragezeichen. Doch alles in allem bescheinigt der Staatsanwalt auch ihm eine in sich schlüssige Schilderung. Selbst die Verlesung des ärztlichen Attests bringt kein Licht ins Dunkel: Gehirnerschütterung, Prellungen und Abschürfungen passen zu beiden Aussagevarianten. Spuren eines Elektroschockers sind nicht vermerkt.

Spektakuläre und kuriose Raubüberfälle

In seinem Plädoyer nimmt sich Haug den Angeklagten zur Brust. „Im November die letzte Verurteilung, keine zwei Monate später folgt die nächste Tat – welch enorme Rückfallgeschwindigkeit!“ Er fordert neun Monate Haft, muss die Anklage wegen Raubes aber angesichts des nach wie vor unklaren Tathergangs fallen lassen. „Am Ende bleiben zu viele Zweifel.“ Denn auch der Nebenkläger sei kein Kind von Traurigkeit. Gegen ihn wurde schon mal Strafbefehl wegen eines Vermögensdeliktes erlassen.

Alles in allem kommt der Angeklagte sehr glimpflich davon – erst recht, wenn man bedenkt, dass im Zuge des Prozesses ein weiterer Tatbestand gegen ihn eingestellt wird. Demnach soll er seiner Freundin die EC-Karte gestohlen und damit insgesamt 16 648 Euro abgehoben haben. Die Frau hatte den Rodgauer zwar angezeigt, vor Gericht aber eine Versöhnung beteuert und behauptet, sie seien inzwischen verlobt. Da die Kammer dies nicht widerlegen konnte, stand ihr das Aussageverweigerungsrecht zu, das sie auch prompt nutzte.

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