Junge Flüchtlinge können sich ausprobieren

Schnupperstunde mit Lötkolben

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Konzentriert bei der Arbeit: Die 15-Jährige Rogi Jeh Abehk bearbeitet ein Aluminiumplättchen, aus dem ein Namensschild werden soll. Die junge Afghanin ist das einzige Mädchen, das am Angebot der Pittler ProRegion und der IHK teilnimmt.

Langen - Selbst ausprobieren und sehen, ob der Beruf zu einem passt: Die Pittler ProRegion bietet zusammen mit der IHK eine Schnupperwoche für junge Flüchtlinge an. Von Julia Radgen 

In praktischen Übungen können sie das Handwerkszeug technischer Berufe schon mal üben – mit dem Ziel, eine Ausbildung zu beginnen. „Das ist wie ein Luftballon, zuerst ist er klein, aber wenn du ihn aufpumpst, wird er immer größer“, erklärt Pittler-Azubi Joshua Regir. Zusammen mit Nesar Ahmad Abdila beugt er sich über die Station „Druckluft bewegen“. Auf der Platte sind mehrere Schalter angebracht, daneben liegt ein Wust blauer Röhrchen. Richtig verbunden, soll die Luft in den Zylinder gedrückt werden – so wie auf der Anleitung. „Das ist gar nicht so einfach“, sagt der 18-jährige Afghane verlegen. Er müsse aufpassen, warnt der Betreuer, die Luft sei stark: „Immer prüfen, ob alles dicht ist.“ Das hat Abdila im nächsten Durchgang schon verinnerlicht: „Das blaue Kabel runterdrücken!“

Die Übung ist eine von acht Stationen, die die Pittler ProRegion Berufsausbildung in ihren Räumen in der Amperestraße aufgebaut hat. Insgesamt 40 Flüchtlinge dürfen die Woche über schrauben, biegen und löten. Die jungen Menschen kommen aus Afghanistan, Eritrea, Syrien, Somalia oder Äthiopien. Jetzt leben sie im Kreis, sprechen mehr oder weniger gut Deutsch. Jana Maria Kühnl, Projektleiterin für die Integration von Flüchtlingen bei der IHK Offenbach, will sie an Betriebe vermitteln. Doch sie weiß: „Viele Flüchtlinge können sich unter den Berufen nichts vorstellen oder haben falsche Erwartungen.“ Ein Kfz-Mechaniker in Äthiopien arbeite anders als hierzulande.

So entstand die Idee, die jungen Geflüchteten selbst erfahren zu lassen, was als Industriemechaniker, Elektroniker und Mechatroniker auf sie zukommt. Das Konzept entwarf die Pittler ProRegion, Kühnl organisierte die Berufsorientierung und warb bei Flüchtlingsbetreuern. „Wir hatten mehr Interessenten, als wir unterbringen konnten und werden die Veranstaltung wohl wiederholen.“ Alle Teilnehmer bekommen anschließend ein Zertifikat. Auf Zetteln notieren die betreuenden Azubis, wie die Flüchtlinge zurecht kamen, vermerken Talente und Defizite. Anhand dieser versucht Kühnl, die eine regelmäßige Ausbildungs-Sprechstunde anbietet, einen Job für die jungen Leute zu finden.

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Mehran Valizadeh hat schon etwas gefunden, was ihm Spaß macht. „Das Löten ist gut“, sagt der 18-jährige Afghane. Mit einem Lötkolben muss er Kupferdrähte mit speziellem Zinn verbinden. „Das war leicht“, sagt Valizadeh. Ob er das als Job machen will, weiß er noch nicht. Die Übungen sollen Fertigkeiten der Ausbildung und praktische Zusammenhänge vermitteln, trotzdem soll das Produkt nicht aufwendig sein. „Damit die Jugendlichen ein schnelles Erfolgserlebnis haben“, so Kühnl.

Rogi Jeh Abehk, das einzige Mädchen in der Werkstatt, versucht sich an einem Namensschild. Die 15-jährige Afghanin soll die Kanten des Aluminiumplättchens abfeilen. „Sehr gut“, lobt ihr Betreuer das Ergebnis. „Das macht Spaß“, sagt das Mädchen, das vor acht Monaten nach Deutschland kam, seit drei Monaten wohnt sie mit Eltern und Brüdern in Langen. Die 15-Jährige zieht es eher in einen anderen Bereich: „Ich möchte in Zukunft als Ärztin arbeiten.“ Momentan besucht die Afghanin die Vorbereitungsschule und übt fleißig Deutsch für ihr Ziel.

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Neben Alter und Vorkenntnissen der Flüchtlinge seien die Deutschkenntnisse entscheidend, um eine Ausbildung zu bekommen, sagt Kühnl. Von 55 Flüchtlingen in ihrer Beratung sei nur einer für eine kaufmännische Stelle in Frage gekommen – wegen mangelnden Deutschs. Bei anderen funkt die Bürokratie dazwischen und das Amt braucht so lange für eine Arbeitsgenehmigung, bis die Stelle weg ist. Die Unternehmen seien aufgeschlossen, Flüchtlinge einzustellen. „Bisher hat noch keine Firma grundsätzlich abgelehnt“, so Kühnl. Es gebe aber die Angst, der künftige Azubi könne abgeschoben werden. Die IHK hat schon 14 Flüchtlinge in eine Beschäftigung vermittelt – vielleicht bald zusätzliche Industriemechaniker, Elektriker oder Mechatroniker. Kühnl plant bereits, das Konzept auszuweiten: „Zum Beispiel aufs Hotel- und Gaststättengewerbe, das ist auch eine Branche, die sucht.“ Dann könnten Flüchtlinge auch in Ausbildungsküchen ihr Talent beweisen.

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