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Spurensuche mit filmreifem Happyend

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Vor 80 Jahren war der „Ledernacken“ ein Oscar-Kandidat. Die Spurensuche zur deutschen Fassung hat Klaus Standke einige Ausdauer abverlangt.Repro: p
Vor 80 Jahren war der „Ledernacken“ ein Oscar-Kandidat. Die Spurensuche zur deutschen Fassung hat Klaus Standke einige Ausdauer abverlangt.Repro: p © op-online

Langen ‐ Als Klaus Standke vor ein paar Jahren den Anruf einer Langener Familie erhielt, die ihm vom Fund alter Filmrollen im Keller erzählte, wurde er schnell hellhörig. Von Holger Borchard

Der stellvertretende Vorsitzende des Film- und Videoclubs nahm die Filmrollen im 35-Millimeter-Format an sich und ging auf Spurensuche.  Der Auftakt einer Geschichte unter dem Motto „Die Rettung eines Stummfilms aus dem Jahr 1929“, die – nicht zuletzt dank internationalen Zutuns – erst vor wenigen Wochen ein Happyend gefunden hat.  Die alten Filmrollen, die die Familie in Plastikbeutel verpackt gefunden hatte und die ansonsten auf dem Müll gelandet wären, entpuppten sich als „brandheiße“ Raritäten. „Es handelte sich um sogenannte Nitrofilme aus feuergefährlichem Nitrozellulosematerial, die von den Anfängen der Kinozeit bis in die 50er Jahre verwendet wurden“, erklärt der 69-Jährige. „Die Familie erzählte, dass der Großvater einst ein Kino betrieben habe, dieses jedoch in der Weltwirtschaftskrise pleitegegangen sei. Die Filme schlummerten also seit 1929 im Keller.“

Standke sichtete das historische Material mit aller gebotenen Vorsicht und stellte fest, dass es sich um einen Stummfilm aus dem Jahr 1929 mit dem Titel „Drei Freunde“ sowie zwei Zeichentrickfilme („Das verrückte Kaninchen Oswald in Afrika“/„Ping und Pong beim Zahnarzt“) und einen Dokumentarstreifen über Stabheuschrecken („Der wandelnde Ast“) handelte – ebenfalls alle aus den 20ern. „Ich fand die alten Filme zu wertvoll, um vernichtet zu werden“, sagt Standke. „Andererseits war mir klar, welch feuergefährliches Material ich da in den Händen hielt. Also versuchte ich, es in kompetente Hände zu vermitteln.“

Immer schön vorsichtig mit dem nicht ganz ungefährlichen Material: Der Filmfreund trug Handschuhe, wenn er die historischen Streifen begutachtete.
Immer schön vorsichtig mit dem nicht ganz ungefährlichen Material: Der Filmfreund trug Handschuhe, wenn er die historischen Streifen begutachtete. © op-online

Standkes erster Weg führte insFrankfurter Filmmuseum. „Dort hieß es, dass man normalerweise keine Nitrofilme sammele. Aber an den Zeichentrickfilmen und dem Dokumentarfilm bestand Interesse und das Museum übernahm sie. Die vier Spielfilm-Rollen wollte man nicht.“

Die wanderten fürs Erste wieder in den Keller – nun eben in den Standke’schen. Freilich ließ der Experte nicht locker und recherchierte weiter zu Herkunft und möglicher künftiger Bleibe der „Drei Freunde“. „Im Internet fand ich nichts zum Titel, aber viel über Hauptdarsteller William Boyd, der zu den Hollywood-Größen der 30er-Jahre zählte. Da ich damals aber den englischen Titel des Films noch nicht kannte, endete auch diese Spur in der Sackgasse“ – der Film blieb weiter im Keller.

Die zündende Idee kam Standke im April dieses Jahres. „Ich hatte gelesen, dass beim Bundesfilmarchiv eine Datensammlung zur Film-Zensurkartei des Deutschen Reiches existierte. Und weil so eine Karte bei dem Film dabei war, nahm ich Kontakt auf, um zu erfahren, ob der Film bekannt und erhaltenswert sei.“ Die Antwort folgte auf dem Fuß: Der Film, dessen englischer Titel „The Leatherneck“ ist, sei sehr wohl erhaltenswert.

Der Film- und Videoclub trifft sich donnerstags um 19 Uhr im Alten Amtsgericht, Darmstädter Straße 27; Interessierte sind willkommen.

„Da das Bundesarchiv aber nur deutsche Filme sammelt, verwies man mich an Partner in den USA – George Eastman House oder Museum of Modern Art – und an das österreichische Filmmuseum in Wien, denn in Österreich war der Film ebenfalls gelaufen.“ Die nächste Mail schrieb Standke nach Wien – und landete den ersehnten Treffer. „Ich bekam umgehend Antwort, dass man interessiert sei und ein Spezialfahrzeug zur Abholung schicken würde“, berichtet Standke. Das fuhr am 5. Mai vor seiner Haustür vor. In zwischen hat Standke mit österreichischer Hilfe auch rein cineastisch den Kreis geschlossen. „Die ‚Drei Freunde‘ sind in den Archiven beider US-Museen vorhanden“, weiß er. „Das Original, von dem ich ein Plakat ausfindig gemacht habe, wurde 1930 fürs beste Drehbuch zur Oscar-Nominierung eingereicht.“

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