„Wer uns braucht, der findet uns“

Nahtloser Neuanfang im Neurott für Langener Tafel

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Kühltheken und nagelneues Kühlhaus (an der Tür Helfer Volker Dillemuth) warten darauf, angeschlossen und gefüllt zu werden. Ab Montag, 23. Mai, geht die Lebensmittelausgabe der Langener Tafel im neuen Domizil in der Carl-Schurz-Straße 14 weiter.

Langen - Nicht jeder Neuanfang ist ein gewollter, aber auch aus einem erzwungenen Umzug muss man das Beste machen. So verhält es sich mit der Langener Tafel, deren Lebensmittelausgabe am Montag, 23. Mai, im neuen Domizil in der Carl-Schurz-Straße 14 die Premiere erlebt. Von Holger Borchard 

Der Countdown läuft, es ist noch jede Menge zu tun, damit die Wiedereröffnung am Montag in den geregelten Bahnen ablaufen kann, die Kunden und ehrenamtliche Helfer gewohnt sind. Aus zwei großen Räumen besteht das ehemalige Ladenlokal, das neues Tafel-Quartier ist. Links vom Eingang geht’s zum Lager- und Ausgabebereich, rechts zum Empfang und in die Aufenthaltszone. Alles in allem rund 160 Quadratmeter; weitere 80 Quadratmeter Lagerraum im Keller kommen hinzu.

Zwischen leeren Regalen und Kühltheken, nagelneuem Kühlhaus (konstante Temperatur sechs Grad) sowie Tischgarnituren und Kisten mit Zubehör wuseln ehrenamtliche Tafel-Helfer hin und her – den handwerklichen Part stemmen so weit möglich Volker Dillemuth und Michael Herth. Draußen, links vom Eingang, bringen Handwerker gerade den Tafel-Schriftzug an der Fassade an. Obendrein verpassen sie dem Mittelteil der Glasfront einen blickdichten, getönten Folienauftrag – „so viel Privatsphäre für unsere Besucher muss einfach sein“, merkt Friedelgaard Pietsch, Leiterin des Tafel-Teams, an. In einer Ecke auf dem Boden wartet der Briefkasten auf Befestigung. „Der kommt direkt neben den Eingang und zwar noch heute, weil er ganz wichtig ist – da flattern jetzt nämlich die ganzen Rechnungen rein“, scherzt Pietsch.

Zum Scherzen war den Verantwortlichen des Vereins lange nicht zumute, nachdem die Kündigung der Räume an der Friedrich-Ebert-Straße sie im Herbst kalt erwischt hatte. Die Erben des verstorbenen Vermieters lösten den Vertrag, die sechsmonatige Kündigungsfrist lief seither schier rasend und unerbittlich, ohne dass ein neuer Standort in Sicht kam. „Das war heftig für uns, wir haben schwer dran geknapst“, verrät Pietsch. „Vier, fünf Monate lang haben wir eine Absage nach der anderen kassiert.“

Dies nicht zuletzt deshalb, weil kaum einer eine Lebensmittelausgabe für Bedürftige in unmittelbarer Nachbarschaft haben will. Ein – unausgesprochener – Sachverhalt, den Pietsch nur zu gut kennt. „Wir haben vier wöchentliche Ausgabetermine, dreimal vormittags plus montagnachmittags, die viele Leute zu uns und damit hier ins Quartier führen“, beschönigt sie nicht. „Aber irgendwo müssen wir doch hin! Wir sind ganz begeistert davon, wie sozial und herzlich uns der Eigentümer der Immobilie hier im Neurott aufgenommen hat und hoffen, dass die Nachbarschaft unserer Arbeit zumindest vorurteilsfrei begegnet. Im Gegenzug versprechen wir, alles in unserer Macht Stehende für einen möglichst reibungsfreien Ablauf zu tun.“

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Dass die Ausgabe für aktuell rund 350 Bedürftige und deren Familien (mithin mehr als 1000 Personen) nun wieder an die Peripherie des Stadtgebiets rückt, ist für Pietsch & Co. „keine glückliche Fügung“, aber alternativlos. „Zum 31. Mai wäre Schicht an der Friedrich-Ebert-Straße gewesen“, verdeutlicht die Vorsitzende, wie dünn die Luft für einen mehr oder minder nahtlosen Übergang geworden ist. Nur diese Woche pausiert die Lebensmittelausgabe komplett.

„Das Gute am neuen Standort ist, dass der Bus um die Ecke hält“, weiß Pietsch. Wermutstropfen: Viele Tafelkunden müssen mit einem Budget über die Runden kommen, das null Spielraum für Bus-Tickets lässt. Auch dazu hat Pietsch eine simple, die Realität abbildende Formel: „Wer uns braucht, der findet uns.“ Die Kunden der Tafel sind bunt gemischt – von alleinstehenden Männern bis zur Großfamilie –, ihre Zahl steigt weiter. Wer den Tafelservice in Anspruch nehmen will, muss Bedürftigkeit nachweisen; amtlich geprüft und dokumentiert wird das alle drei Monate.

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