Schälspuren an Baumstämmen als Indiz: „Einige wenige Biberfamilien“

Nagen im Sperrgebiet

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Auch unser 600er Teleobjektiv kann die gut zwei Kilometer entfernte Uferstelle am Naturschutzsee „Bongsche Kiesgrube“ nicht exakt darstellen. Allerdings dürfte es sich in der Tat um die für Biber typischen Abschälspuren handeln.

Ostkreis - Spuren einer Biberpopulation glauben Naturfreunde und Wanderer seit einiger Zeit im Ostkreis auszumachen. Unabhängig von ziemlich wilden Spekulationen über Bauten und Vorkommen sind Experten davon überzeugt, dass die Nager wieder heimisch wurden. Von Thilo Kuhn

Marcus Beike nimmt die andere, unzugängliche Bongsche Seeseite mit einem Beobachtungsfernrohr (Spektiv) ins Visier.

Marcus Beike, der Gebietsbetreuer der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) im Naturschutzgebiet „Bongsche Kiesgrube“ in Mainflingen, bestätigt die Gerüchte: „Seit wenigen Jahren haben sich tatsächlich einige wenige Biberfamilien im Ostkreis angesiedelt, sind ganz offensichtlich aus ihrem Verbreitungsgebiet im hessischen und bayerischen Spessart über den Main zu uns herüber gekommen.“ Kleine Quellverbindungen vom Main aus zu diversen Seen hätten dem Biber den Weg dorthin gezeigt. Der europäische Biber (lat. Castor fiber) ist etwas kleiner gewachsen als sein kanadischer „Bruder“ und durch die Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt. „Nachdem die Biberpopulation in Mitteleuropa fast ausgerottet war, haben sich über die Mittelgebirgsgewässer schon in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wieder langsam neue Siedlungen herangebildet. Naturschützer unterstützten da und dort die Vermehrung in freier Natur. „Verwechslungen mit Wasserrattenarten oder Fischottern können völlig ausgeschlossen werden“, zerstreut der Naturfachmann jegliche Zweifel.

Von einem Aussichtspunkt am Naturschutzsee „Bongsche Kiesgrube“ in Mainflingen zoomt er mit seinem Beobachtungsfernrohr ein Uferstück heran. Einige auffällig angeordnete umgestürzte Baumstämme oder selbst von dem Tier gefällte Stämme ragen dort aus dem Wasser des Sees. „Eindeutige Identifikationsmerkmale, dass die Stämme mit dem Tier in Berührung kamen, sind die systematischen, frischen und noch hellen Abschälspuren an der Rinde oder auch ein anderer Stamm, der wie ein Bleistift nach oben angespitzt wurde,“ erklärt Beike.

Das sei typisch für den Biber. Die Rinde ist ein leckeres Nahrungsmittel für die im Kreislauf der Natur sehr nützlichen Tiere. Auch Blätter und Wasserpflanzen oder Algen gehören zur Speisekarte. Im Herbst und Winter baut sich der Biber ein „Nahrungsfloß“ mit verschiedenen Schichten, bereitet so seine Familie auf die nahrungsärmere Zeit vor. Winterschlaf halte diese aktive Säugetierart nicht. Über den überirdisch nicht sichtbaren Bau der Tiere in der Bongschen Grube könne nur spekuliert werden. Mutmaßlich liege er mit dem Eingang unter Wasser in einer Art Höhle, an einer relativ steil abfallenden Außenwand der Seewanne.

Diese Tierarten sind nach Deutschland eingewandert

Bei den Röhren in einem Biberbau unterscheidet man je nach Funktion zwischen Fressröhren, Spielröhren und Fluchtröhren. Als dämmerungs- und nachtaktives Säuge- und Nagetier ist er tagsüber kaum auffällig. Lebensraum sind fließende oder stehende Gewässer. Dort, wo Biber ausreichend Lebensraum finden, bestehen auch günstige Voraussetzungen für die Vielfalt anderen Lebens am und im Wasser. Dies wiederum stärke die Selbstreinigungskraft der Gewässer und somit das biologische Gleichgewicht. „Sie können dort ein idyllisches Leben führen im Einklang mit den meisten Wasservögeln und Seebewohnern – solange der Mensch, für den dieses geschützte Gelände tabu ist, die Biber in Ruhe lässt“, sagt Beike. Lediglich ein hungriger Graureiher könne dem Bibernachwuchs gefährlich werden.

Biber-Spuren ähnlicher Art wurden auch bei Hainstadt an beiden Ufern des Mains entdeckt, sowie in der Nähe der Mainflingener Kilianusbrücke, ebenfalls am Mainufer. Marcus Beike appelliert an alle, die ungestört sich entfaltende Ökologie in Naturschutzgebieten, etwa der Bongschen Kiesgrube, nicht durch Betreten zu gefährden. „Wer die Pflanzenwelt, die Vogelarten und die Laichplätze der Fische durch Bootfahren, Lärmen, Zelten, Schwimmen, Tauchen, Lagern oder auch durch frei laufende Hunde stört, muss jederzeit mit einer Strafanzeige rechnen. Dies ist ein Sperrgebiet für Menschen, und das ist gut so“, so der Naturschutzfachmann.

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