Mühlheims Ausländerbeirat

Toleranz ist lern- und lehrbar

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Hüsamettin Eryilmaz ehrt Mühlheims frühere Frauenbeauftragte Doris Globig für ihr langjähriges Engagement in Sachen Ausländerbeirat. Außerdem auf dem Bild (v.l).: Abdurrahman Kavuncu, Paolo Mancuso, Nesarettin Elmaci, Corrado Di Benedetto, Stadtverordnetenvorsteher Harald Winter und Bürgermeister Daniel Tybussek.

Mühlheim - Vor 40 Jahren gründete sich der Mühlheimer Ausländerbeirat als einer der ersten seiner Art in Hessen. Ein Grund für einen Festakt im Rathaus vor geladenen Gästen samt prominentem Besuch aus dem Landtag in Wiesbaden.

Auf dem Weg zur Feier erzählt die Ehrenbürgerin Elisabeth Gilmer-Kaiser (81), langjährige SPD-Stadtverordnete, von den Gastarbeitern. Sie erlebte sie damals als Kassiererin im Supermarkt. Schüchtern hätten die gewirkt. Doch sie blühten auf, „wenn sie mir vor ihrer Familie erzählten“. Und engagierte Gewerkschaftler seien sie gewesen. An die Gründung des Ausländerbeirats in Mühlheim kann sich Gilmer-Kaiser bestens erinnern, „ich war doch dabei“. Zusammen mit Horst Lehr, dem anderen Ehrenbürger, der erscheint. Der damalige Erste Stadtrat spielte 1976 eine Hauptrolle bei der Gründung.

Hüsamettin Eryilmaz, der Vorsitzende des Ausländerbeirats, braucht eine gefühlte Viertelstunde, um die Ehrengäste aufzuzählen. Hinten etwa sitzt Bernd Müller, der frühere CDU-Bürgermeister. Er sei hier, „weil ich mich immer gut mit Eryilmaz verstanden habe.“ Der gehört der SPD an und formuliert den Klassiker unter den Forderungen der Ausländerbeiräte: Deutschland sollte das kommunale Wahlrecht für alle einführen, „egal, ob in der EU oder nicht“. Stadtverordnetenvorsteher Harald Winter erklärt dem voll besetzen Auditorium, warum Eryilmaz neben Bürgermeister Daniel Tybussek sitzt: „Weil der Ausländerbeirat im Stadtparlament Rederecht genießt und über den Magistrat Anträge stellen darf.“ Der Landtagsabgeordnete Corrado Di Benedetto, selbst lange im Ausländerbeirat aktiv, moderiert und erwähnt seine Zweifel, ob es möglich sei, „eine Person von solchen Kaliber nach Mühlheim zu bekommen“.

Gemeint ist Landtagspräsident Norbert Kartmann. Der erzählt aus der eigenen Familiengeschichte, die zum Teil im rumänischen Siebenbürgen liegt. Auch in der Nachkriegszeit habe es Probleme bei der Integration der Flüchtlinge gegeben, trotz der gleichen Muttersprache. Aber es klappte, weil sich viele Menschen Mühe gaben. Toleranz sei einer der wichtigsten Werte in Deutschland. Aus seiner Erfahrung als Lehrer wisse er: „Toleranz kann beigebracht werden.“

Von der politischen Bildung an deutschen Schulen hält der Christdemokrat allerdings nicht viel, „egal in welchem Bundesland“. Was den Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union betrifft, schlägt Kartmann eine Art Besinnungskur vor: „Nur einen Tag die Grenzen abzudichten wie früher, das würde manchem die Augen öffnen.“ Landrad Oliver Quilling lobt Mühlheim als eine der ersten Gemeinden in Hessen, in der sich überhaupt ein Ausländerbeirat bilden konnte. In seiner Heimatstadt Neu-Isenburg habe es noch einige Jahre mehr gedauert. Gerade im interreligiösen Dialog spielten die Beiräte eine gewichtige Rolle.

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Musikalisch gestalten Alfonso Pocho Chacón Sánchez auf der Gitarre und das Saz-Quartett aus Ersin Zengin, Selin Beyzit, Eray und Irem Dogan den langen Festakt. Enis Gülegen, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Hausländerbeiräte Hessens, grüßt niemanden. Er sei mehrmals gebeten worden, sich kurz zu fassen. Er kenne alle, „und kann sehen, wann sie es ernst meinen“, scherzt der Frankfurter Rechtsanwalt, der von Mühlheim als einer der hellsten Sterne am hessischen Himmel in punkto Ausländerbeiräten spricht. Das hänge jedoch immer auch an einzelnen Leuten, die sich engagieren, „an solchen wie Hüsamettin Eryilmaz“.

Für die nächsten Jahre wünscht auch Olga Lucas Fernández alles Gute, die Vorsitzende des Kreisausländerbeirates. Bürgermeister Tybussek hofft vor dem Gang zum Büfett auf mehr Spielraum für die Beiräte - „dass sie Anträge nicht über den Magistrat, sondern gleich im Parlament stellen können“. (man)

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