Und er ist wieder weg

Klappe zu, Herz auf – bei Dietesheimer Kerbborschbeerdigung

Lange, bevor es am Dienstag losgeht, ist der Hof des Schwesternhauses an der Hauptstraße knallvoll. Manche Tische sind rein männlich besetzt, an anderen sitzen nur junge Frauen. Von Stefan Mangold

Der Blick der Männer beim dezenten Posen und kraftvollem Prosten deutet auf die Überlegung, „Was geht heute?“. Die zufällige Umschau der Frauen lässt eine flüchtige Sondierung der Auswahl erahnen. Auch in Dietesheim sind Festtage Markttage. Der Kerbborsch wird heute beerdigt und hängt noch hoch oben am Schwesternhaus. In manchen Gemeinden ist die Kirchweih entweder längst Historie oder sie besteht nur noch aus Relikten des Ritus. Dietesheim hingegen wirkt heute, als schlage sich überall in der Republik der demographische Wandel nieder, nur nicht hier. „Wir sind stolz, dass die Jugend voll mitmacht“, muss Wolfgang Kramwinkel, Kreishandwerksmeister und oberster Kerbborsch im Ort, schon lauter rufen, um zum Sound von Keyboarder und Sänger Thorsten Schmitz alias Big T. und seinem Gitarristen Thomas Richter Gehör zu finden.

Offenbachs prominentester Büttenredner Charly Engert ist extra mit dem Rad von Bürgel hergefahren, um sich eventuell auch ein zweites Bier zu gönnen. Und er singt „Es geht mir gut“, was völlig glaubhaft rüberkommt. Dazu tanzen die Stadtparlamentarier Gabi und Karlheinz Schmunck. Nicht irgendwie gehüpft, sondern klassisch gekonnt. Als Duo erscheinen auch Stadtverordnetenvorsteher Harald Winter (SPD) und Robert Müller (Grüne), deren persönliches Verhältnis von den jüngsten Dissonanzen zwischen ihren Parteien ungetrübt zu sein scheint, erst recht mit Bierglas und Tuch in der Hand.

Es gibt Feste in Deutschland, die eignen sich wenig, sie Besuchern aus dem Ausland zu präsentieren. Die Kerb in Diestesheim ist vorzeigbar wie italienische oder spanische Dorfeiern, wenn sich alle Generationen versammeln. Heute gestaltet sich sogar das Wetter wie im Süden. Die einzigen Wassertropfen stammen vom Schwenk aus dem Zug der Kerbburschen mit der bis dato hoffentlich noch nie im Sinnes ihres eigentlichen Zwecks benutzten Klobürste. Die Kerbburschen haben ums Eck beim Fahnenschwenker Thomas Bihn ihre Nachthemden über die blauen Stutzen gestreift.

Als Fotograf läuft Udo Parakenings umher, der Vorsitzende des Pfarrgemeinderats von St. Sebastian. Er erwähnt die Geschichte der Kirchweih, die einst der Gustav-Adolf-Kirche galt, als dort noch die Katholiken das Glaubensbekenntnis sprachen. „Bei uns geht es laut zu, bei den Evangelischen eher sittsam“, weist Parakening den Weg zur Friedensgemeinde. Von Puritanismus findet sich aber auch hier keine Spur. Statt Bier fließt Wein. Auch Willy Gerd Kost gönnt sich einen Tropfen, der Priester von St. Sebastian, der heute nicht musizierend im Kerbezug mitmarschiert. Seinen Akkordeon-Part übernimmt die einzige Frau im Tross.

Dietesheim feiert Kerb: Bilder

Der Trompeter Gerhard Pregitzer bläst die Melodie der englischen Nationalhymne an, der Soundtrack zu „Trinkfest und Arbeitsscheu“, der Dietesheimer Hymne. Mit Ralf Grombacher an der E-Gitarre samt mobilen Verstärker spielt dennoch ein Geistlicher auf. Die letzten Schritte auf der Untermainstraße versucht der evangelische Pfarrer, die Truppe auf „Smoke on the Water“ einzuzupfen. Die zieht jedoch erst den Schneewalzer, dann Chopins Trauermarsch vor.

Die Trauer über den zum 40. Mal dahingeschiedenen Kerbborschen ist das Herzstück der Geschichte. In Dietesheim mischt sich das Jammern mit dem Gelächter übers Ritual. „Nun heißt es Abschied nehmen“, verkündet „Pfarrer“ Kramwinkel das Entsetzliche. Der liturgische Singsang beklagt die „verschrottete Schiffschaukel“ von der Lenne gleich mit – ein Riesenverlust. Der Kerbborsch musste in diesem Jahr auf dem Trampolin tollen.

Rubriklistenbild: © Michael

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