Im Erzählcafé berichten Flüchtlinge, wie sie in Mühlheim aufgenommen wurden

Ich bin nicht gefährlich

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Karl-Heinz Stier im Gespräch mit Flüchtlingen, die in Mühlheim zumindest eine vorläufige Bleibe gefunden haben (von links): Ramish said Mohammad, Firas Nahlawe, Abdulhakim Obaid, Stier, Wael Dheim und Bernd Klotz.

Mühlheim - Ein Erzählcafé, das nicht die Vergangenheit umkreiste, sondern Gegenwart und Zukunft: Im voll besetzten Stadtmuseum berichteten in Mühlheim lebende Flüchtlinge über ihr Leben in der alten und der neuen Heimat. Von Stefan Mangold 

Die Diskussion zum Thema Flüchtlinge gestaltet sich in Deutschland unerquicklich. Für die eine Seite steht eine katholische Frau, von der ein Zuhörer am Donnerstagabend im Erzählcafé des Geschichtsvereins berichtet. „Jeder Moslem ist gefährlich und muss Deutschland verlassen“, zitiert der Mann die Bekannte. Die auf der anderen Seite schwingen schon die Nazikeule, wenn jemand die Frage offen lässt, ob ein Industrieland es tatsächlich schaffen kann, auch jene unbegrenzt zu integrieren, die nur den eigenen Namen schreiben können. Karl-Heinz Stier vom Geschichtsverein und Bernd Klotz vom Freundeskreis der Flüchtlinge hatten zusammen mit der städtischen Integrationsbeauftragten Eva Scholz ein paar jener Flüchtlinge eingeladen, für die kein Redenschreiber ein „Wir schaffen das“ ins Manuskript notieren muss. Wer es packt, schon nach ein paar Monaten Deutschlandaufenthalt in der neuen Sprache Rede und Antwort zu stehen, hat gute Chancen, Fuß zu fassen.

So wie der Syrer Hady Hassrouny, den Klotz vorstellt. Der 29-Jährige kam vor zwei Jahren und engagierte sich bald darauf selbst als ehrenamtlicher Helfer. Er übersetzt, begleitet auf Ämter. Hassrouny, Wirtschaftswissenschaftler mit Bankerfahrung, arbeitet ab Oktober in der Sparkasse. Der Mann lobt die Mühlheimer Hilfsbereitschaft wie alle anderen. Wobei stets Namen fallen wie Eleonore Blöcher, Gerda Brinkmann, Anni Wald und Osmonde Brehme, die Neuankömmlingen Orientierung geben. Der aus Aleppo stammende Abdulkader Ammaneh, seit einem Jahr in Mühlheim, spricht über das Kunstprojekt „Main Hafen“ mit Michael Tresser. Ammaneh erwähnt nicht nur den Spaß mit dem Künstler, sondern auch die Chance, „durch die Gespräche Deutsch zu lernen“. Der studierte Arabischlehrer arbeitet bei DHL und plant langfristig, als Dolmetscher zu fungieren.

Der Syrer Abdulhakim Obaid sieht Deutschland als seine neue Heimat an, „meine Perspektive ist für immer“. Beim dem 20-Jährigen wirkt es, als könnte das Schicksal ihn überall absetzen – er findet sich zurecht. Obaid erzählt, in Syrien habe er vor dem Abitur gestanden. Zeugnisse fehlen. Die Schule liege in Schutt. Der junge eloquente Mann spricht schon fast fließend. Als erstes musste er sich um den Hauptschulabschluss kümmern. Kaum schwerer dürfte ihm der anstehende Realschulabschluss fallen. In der Alten Wagnerei steht er am Zapfhahn. Langfristig sieht er sich im Personalbüro einer Firma, wo er schon in Syrien arbeitete.

Bilder: So helfen Sie Flüchtlingen in der Region

Susanne Kannwischer, frühere Rektorin der Goetheschule, erzählt von der neunköpfigen Familie aus Afghanistan, mit der sie Kontakt hält: „Ausgesprochen bildungsnah, was in dem Land nicht selbstverständlich ist.“ Mit Roman (19), Ramish (23) und Tabish said Mohammad (27) sind drei Söhne der Familie erschienen. Tabish, studierter Bauingenieur, erzählt von einer Analphabetenrate im Land von rund 60 Prozent. Auch die Brüder, deren Vater vor zehn Jahren starb und deren Mutter genauso Deutsch lernt wie die Kinder, betonen die große Hilfsbereitschaft. Die erfuhr auch Agnes Kryezi aus dem Kosovo. Eleonore Blöcher nahm die 18-Jährige unter ihre Fittiche. Agnes hofft auf einen Ausbildungsplatz als Friseurin.

Bernd Klotz erwähnt, wie Wael Dheim im Gottesdienst auf Arabisch sang und manche stutzten, als da von Allah die Rede war. Beruhigend wirkte die Nachricht, dass der Syrer zwar nicht der römischen, aber der griechisch-katholischen Kirche angehört und Allah nichts anderes als Gott heißt. Eine Frau fragt den syrischen Chemiker Firas Nahlawe, dessen Gattin und Tochter gerade in Mühlheim ankamen, ob seine Frau ein Kopftuch trage. Lachend verneint der Mann. Natürlich gebe es auch unter den Flüchtlingen unangenehme Figuren, desinteressiert daran, Deutsch zu lernen. Die Mehrheit sei das aber nicht. Verschmitzt erklärt Firas Nahlawe: „Ich bin zwar Moslem, aber nicht gefährlich“. Und Bürgermeister Daniel Tybusssek appelliert an Menschen mit leer stehendem Wohnraum, sich bei der Stadt zu melden.

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