Städtepartnerschaft mit Folgen

Feindschaft fürs Geschichtsbuch

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Manfred Klasser und Pierre Buil heute.

Mühlheim - Städtepartnerschaften haben in manchen Gemeinden etwas Steifes. Wenn kein persönlicher Kontakt mehr besteht, es mit der Verständigung schon immer haperte, dann verkehren die Vertreter zu offiziellen Anlässen diplomatisch höflich.

Entspannt will die Atmosphäre aber nicht werden. Zwischen Mühlheim und St. Priest gestaltet sich das Miteinander nach einem halben Jahrhundert zum Glück anders. Dafür steht auch die Geschichte von Dr. Manfred Klasser und Pierre Buil. Die beiden pflegen seit 48 Jahren eine enge Freundschaft. Deren Kern liegt in den Unterschriften von Bürgermeister Werner Grasmück und seinem französischen Amtskollegen Charles Ottina auf der Verschwisterungsurkunde. Ewig ist das her, dieser 2. Mai 1966. Ein paar Tage vorher war erstmals ein Münchner Club Fußball-Bundesliga-Meister geworden: der TSV 1860.

Im deutschen Sprachgebrauch schwang damals das Attribut des Erbfeindes über Jahrzehnte mit, wenn vom Nachbarland im Westen die Rede war. Kanzler Konrad Adenauer und Präsident Charles de Gaulle hatten mit ihrem Staatsvertrag von 1963 die Verbindung zwischen Mühlheim und St. Priest quasi geebnet. Feindschaft verebbt meist, wenn sich die Feinde kennen lernen.

Als 13-jähriger fuhr Manfred Klasser mit dem Schüleraustausch nach Frankreich. In der siebten Klasse auf Mühlheims Friedrich-Ebert-Gymnasium hatte er bis dahin ein Jahr Französisch gelernt. „Nach einer gänzlich neuen Methode“, erinnert sich Klasser. Ein Herr Dr. Schiffler unterrichtete mit Dias und Tonband. Schüler lernten die Fremdsprache wie Kleinkinder ihre Muttersprache, „intuitiv, ohne Grammatik und zunächst auch ohne Schrift“. Beim einen oder anderen kommt da vielleicht der Verdacht auf, dass so nicht richtig gelernt werden kann. Stimmt allerdings nicht: Klasser erlebte es schon, von Franzosen für einen Landsmann gehalten zu werden und vermutet, seine akzentfreie Aussprache rühre vor allem vom Unterricht bei Dr. Schiffler her.

Manfred Klasser und Pierre Buil 1968 am Rhein.

Bei seinem ersten Besuch im Jahre 1968 kam Manfred in der Familie Buil unter. „Spannend war das“, blickt der promovierte Psychologe zurück, „aber auch beängstigend“. Schließlich war der Bub nicht nur alleine von zu Hause weg, sondern auch das erste Mal in seinem Leben im Ausland. Mit Pierre, dem gleichaltrigen Sohn, verstand er sich ohne Umschweife. Ressentiments gegenüber dem blonden, kraftvollen deutschen Jungen spürte er zu keinem Zeitpunkt: „Die Familie nahm mich herzlich auf.“ Von irgendeiner Feindschaft wusste er nur aus dem Geschichtsunterricht.

Aufregend waren vor allem die Tanzveranstaltungen im Jugendclub von St. Priest, der Kontakt zu den Mädchen, in einem Land, in dem Eros seit jeher um so vieles leichter umher schwebt als durch deutsche Gefilde.

Bilder: Sommerfest der GMF

Manfred Klasser und Pierre Buil trafen sich immer wieder, verbrachten gemeinsam Urlaube und heirateten zeitlich nicht weit voneinander entfernt. Das traf ebenso für ihre Vaterschaften und fast auch für die Großvaterschaften zu, „Pierres Enkelkind kommt bald zur Welt“. Ihre beruflichen Interessen bilden ebenfalls Schnittmengen. Seit dreißig Jahren arbeitet der Mühlheimer selbstständig für die Pharmaforschung, der französische Freund studierte Chemie.

Noch eine Parallele findet sich. In vielen Fällen wechseln Heiratswillige beim zweiten Auftritt vor dem Standesbeamten den Trauzeugen aus, weil das als schlechtes Omen gelten könnte. Die Männerfreundschaft der beiden Wissenschaftler kennt keinen Aberglauben: Pierre Buil stand schon zweimal beim Ringanstecken Manfred Kassler zur Seite. Umgekehrt gilt das auch. - man

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