„Liebe hat viele Gesichter“

Flüchtlinge gestalten mit Künstler Betonpoller zu Kunstwerken

+
Anna (rechts) und Tochter Natalie arbeiteten mit anderen Flüchtlingen aus Afghanistan und aus dem Iran an einem Poller mit, der in vier Sprachen ausdrückt, „Liebe hat viele Gesichter“.

Mühlheim - Flüchtlinge brauchen Hilfe, müssen versorgt und betreut werden. Dass es auch umgekehrt geht, dass Migranten „etwa zurückgeben“, demonstrierten sieben in der Mühlenstadt gestrandete Talente. Von Michael Prochnow 

Zusammen mit dem Künstler Michael Tresser gestalteten sie in seinem Dietesheimer Atelier kreativ eigene Poller, wie man sie von Hafenanlagen kennt. „Liebe hat viele Gesichter“, schreiben Anna und ihre Tochter Natalie sowie Männer aus Afghanistan und dem Iran in vier Sprachen und mit einem Keramik-Mosaik auf ihren Poller. Er entstand aus einem Gerüst aus Metallstreben und Beton, das der Künstler Michael Tresser stets vorfertigte. Das Material, insbesondere den teuren Keramikkleber, stellte die Firma Fliesen Eitel für das Projekt zur Verfügung. Bernd Klotz von Freundeskreis Flüchtlinge beschreibt die Aktion „in ungewöhnlichem Ambiente“, an dem sich mehrere Flüchtlinge in der Stadt beteiligt haben. Es sei Tresser gewesen, der mit seiner Idee auf den Freundeskreis zugekommen sei. Er habe bereits viel Erfahrung mit Beteiligungsprojekten gesammelt, wollte „Objekte schaffen, die dauerhaft zu sehen sind“.

Sieben junge Leute im Alter von acht bis 35 Jahren folgten dem Aufruf. Karim, einer von ihnen, musste zwischenzeitlich nach Wetzlar umziehen, sei von dort aber nach Dietesheim getrampt, um sein Kunstwerk zu vollenden. „Was ist befruchtend von den Migranten, die zu uns kommen, wie bereichern sie uns?“, formuliert Klotz die Grundidee. Alteingesessene sollen durch die Ergebnisse erkennen, dass die neue Bewohner „etwas an die Stadt zurückgeben können“.

Die geschaffenen Figuren lassen arabische und asiatische Einflüsse erkennen, die Teilnehmer entwarfen zunächst per Bleistift aufwendige Ornamente, die sie später mit Applikationen oder Pinselstrich auf die Oberfläche der Poller übertrugen. Eine T-förmige Halterung fürs Schiffstau trägt auf knallrotem Grund nun zwei Augen und ein Maul mit gefährlich aussehenden Zähnen.

UN-Flüchtlingshilfswerk: 700 Migranten in einer Woche ertrunken

„Wir haben beim Gestalten auch über Probleme gesprochen“, blickt Tresser zurück. „Die Leute haben drei Monate mit großer Ausdauer an dem Projekt gewirkt und dabei auch Schicksale verarbeitet“. Wie der Syrer, dessen Frau und Kind im umkämpften Aleppo feststecken. Oder eben Anna, die mit ihrer Familie gerade um die Ecke lebt und mit Freude am „Liebes-Poller“ mitgewirkt hat.

„Egal wer hier ist, er hinterlässt einen Fußabdruck“, formuliert Klotz. Jeder Mensch bringe auch „kulturelles Gepäck“ mit. Für Tresser war es wichtig, dass die Akteure eigene Ideen eingebracht und realisiert haben. Er selbst habe den kreative Prozess lediglich moderiert, den Beteiligten „Möglichkeiten eröffnet, sich auszudrücken“. Der Poller dient als Symbol, weil er „irgendwo was mit Mühlheim zu tun hat“, sagt der Initiator. „Da legst du an und ab, da ist ein sicherer Hafen“, schafft er den Bezug zum Main.

Für das Vorhaben sei es gut gewesen, dass mit Mitgliedern der Flüchtlingshilfe auch Einheimische dabei waren. Das Unternehmen habe eindrucksvoll gezeigt, „wie facettenreich die Stadt Mühlheim ist“.

Kommentare