Gerda Brinkmanns Altstadt-Rundgänge

Schöne Mädchen sind erschaffen...

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Wie keine andere weiß Gerda Brinkmann bei ihren Altstadtrundgängen, das alte Mühlheim im neuen zu zeigen. Das Ganze in Mundart, was bei einigen Besuchern manchmal für Fragezeichen und immer für historische Authentizität sorgt.

Mühlheim - Der historische Mundartrundgang durch die Altstadt hat, wie es sich für einen Geschichtsverein als Gastgeber gehört, Tradition. Seine achte Ausgabe zog, der glühenden Hitze zum Trotz, so viele Interessenten an wie nie zuvor. 55 Besucher klebten an den Lippen Gerda Brinkmanns, als sie zu „Fachwerk, Festplatz, Feierabend“ aufbrach.

Gerda Brinkmanns Altstadt-Rundgänge in Mundart gelten als eine Klasse für sich. Wie keine zweite weiß die Frau, das alte Mühlheim im neuen zu zeigen. Ihr erstes Ziel beim achten Spaziergang ist die Kirchborngasse. Das Anwesen von Hartmut Stahlberg, der sich mit zwei weiteren Wohnparteien ein Fachwerkhaus, einen Hof und komplizierte Wegeverhältnisse teilte, ist ein Relikt aus der historisch gewachsenen Realteilung. Gelegenheit, hier auch gleich Wissen zu verbreiten, wie eigentlich so ein Fachwerkhaus entstanden ist, wie Streben geflochten, Wasser, Lehm und Strohhäcksel miteinander zu Wandteilen verbunden wurden und die Wärme im Inneren des Hauses erhalten bleibt.

„Mitläufer“ Hans Jürgen Mloschin, einst ein Müllemer Müllerborsch, steuert sein unerschöpfliches Wissen über die frühere Dorfmühle bei, die älteste der einst vermutlich acht Mühlen in der Stadt. Naheliegend, dass dabei auch gleich über den Beruf des Müllers und seine Reputation gesprochen wird. Gerda Brinkmann würzt die faktenreichen Erzählungen mit Reimen, mit denen man den Müller charakterisierte. „Schöne Mädchen sind erschaffen, nur für Müller, nicht für Pfaffen“ zum Beispiel. Vorbei geht es an der restaurierten Kirchenmauer zum ehemaligen Platz der Dorflinde, dem früheren Treffpunkt der Bevölkerung. Um sie wurde nicht herumgetanzt, sondern zu Gericht gesessen. Bei Verhören unter freien Himmel wurden die Schwüre abgelegt, „damit es auch Gott hörte“, wie Brinkmann ergänzt.

In der Hirschgasse besichtigt die Gruppe von außen das Haus, in dem der berühmte Paul Hindemith seine Kindheit verbrachte. Und dann natürlich der ehemalige Festplatz, heute Spielplatz. Lange bevor hier Feste und Fastnachtssitzungen abgehalten wurden, war er der Kerbplatz der Müllemer. Brinkmann zeigt Fotos, wie dort einstmals noch Ziegen und Geißen und Pferde weideten. Heute fast unvorstellbar.

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Den Feierabend gestaltet die Stadtführerin mit ihren Familienangehörigen selbst: Im Hof ihres Anwesens in der Friedrichstraße füllen die Gäste mit Äppelwoi und Wasser Flüssigkeit auf, die sie in der Gluthitze des Nachmittags verloren haben. Die Stimmung muss nicht erst per Stöffche befördert werden; nach dem Rundgang harrt mehr als die Hälfte der Besucher auf den Tischen und Bänken aus und hält das ein oder andere Schwätzchen. (mcr)

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