Lücken in Krabbelstuben und Kitas

Immer mehr kleine Mühlheimer

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Der Blick in die Zukunft ist zwangsläufig etwas unscharf. Als sicher muss aber gelten, wie es die Grafik „Platzbedarf im Jahresverlauf“ aus dem städtischen Bedarfsplan zeigt, dass die Zahl der Kinder mit Anspruch und teils sogar Rechtsanspruch weiter massiv steigen wird. Schon mit Blick auf die Neubaugebiete, die momentan wachsen.

Mühlheim - Das große Aber zur positiven Botschaft, dass Mühlheim viele junge Familien anlockt: In der Aufholjagd um genug Betreuungsplätze in Kitas und Krabbelstuben fällt die Stadt zurück. Die Kapazitäten wachsen zwar. Doch die Zahl der Kinder wächst schneller. Von Marcus Reinsch 

Die Beschleunigung beim Ausbau des Repertoires verlangt Geld und Kreativität. Nach was der neue Bedarfsplan ruft. Das Dasein an der Spitze einer Stadt birgt schizophrene Momente. Grundsätzlich haben es Hauptamtliche zwar zu feiern, wenn „wir jetzt in jedem Jahrgang wesentlich mehr Kinder haben“, wie Mühlheims Erste Stadträtin Gudrun Monat sagt. Ihre Sozialdezernatskollegen vieler anderer Kommunen kämpfen in Zeiten des demographischen Wandels ja bekanntlich eher mit dem Problem Überalterung.

Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass der Zuwachs auch für massiven Mehrbedarf bei der Kinderbetreuung sorgt. Und da, erklärt Monat und klopft auf den gerade vorgelegten Bedarfsplan, „reicht das bisherige Engagement noch nicht aus“. Denn zusätzliche Kapazitäten brauchten zusätzliche Räume, Anbauten oder gleich komplett neue Kitas. Und auch die Ausbildung von auf dem Arbeitsmarkt kaum zu kriegenden Erzieherinnen dauere. Der Bedarfsplan hat drei Teile: Krabbelstuben für Ein- bis Dreijährige (U3), Kindertagesstätten für Drei- bis Sechsjährige (Ü3), verschiedene Formen der Schulkindbetreuung für Ältere.

Jede Altersstufe für sich alleine zu betrachten, funktioniert indes nicht. Die verhängnisvollste Wechselwirkung ergibt sich beim Übergang von U3 zu Ü3. Denn ist in den Kitas kein Platz mehr frei, können Dreijährige aus den Krabbelstuben nicht dorthin wechseln, sondern müssen erstmal bleiben – was wiederum das Angebot für neue Kleinkinder verknappt.

Ein Rückstau, der sich nicht von alleine lösen, sondern länger werden wird. Ein Blick auf die Jahrgangsstärken der letzten Jahre zeigt warum. Die Zuwächse waren in einigen Jahrgängen zwar nicht eklatant. Doch beispielsweise lebten Ende 2015 in Mühlheim 25 Kinder des Geburtsjahrgangs 2009 mehr als Ende 2014 – Zuzug.

Innerhalb eines Jahres 130 Kinder mehr

Im Geburtsjahrgang 2014 waren es sogar 28. Alles in allem, rechnet Monat zusammen, stieg die Zahl von 2014 auf 2015 um 130 Kinder. Nur 40 davon waren Flüchtlingskinder, „und auch ohne sie war es eine enorme Steigerung“, sagt Monat.

Und bald komme noch der „extrem starke Jahrgang 2015“ hinzu. Die Gesamtzahl von 290 kleinen Mühlheimern mit definitivem Betreuungsbedürfnis in den Kitas oder potentiellem in Krabbelstuben und Schulkindbetreuung müsse sich im Angebot wiederspiegeln. Da sind Neubürger in Baugebieten wie am Bahnhof noch nicht mal mit dabei. Der echte Bedarf sei zwar kaum verlässlich zu beziffern, „wir haben Wartelisten, aber wir können daran schlecht entscheiden, ob die Kinder wirklich einen Platz nehmen oder nicht. Doch es stehen Eltern hier und sagen: Wir brauchen einen Platz.“

Theoretisch müsste es den sogar noch geben. Doch das ist eine trügerische Hoffnung, was an zwei statistischen Unschärfen des Bedarfsplans liegt. Zum einen seien auch die in der Statistik noch ausgewiesenen freien Plätze und die Lücken zwischen theoretischen und tatsächlich vorhandenen Kapazitäten mittlerweile fast komplett gefüllt. Zum Beispiel, weil die St. Markus-Kita – vergangenes Jahr: 100 Betriebserlaubnisse, aber nur 61 Plätze – zwischenzeitlich dringend ersehntes Personal gefunden und ihr Repertoire erweitert hat. Auch, weil integrative Plätze für behinderte Kinder die Gesamtaufnahme reduzieren.

Zum anderen ist der Stichtag für die Zählung jeweils der 31. Dezember eines Jahres. Das hat für Statistiker Sinn, aber nicht für Planer, weil ein neues Betreuungsjahr jeweils im Sommer beginnt. Sprich: Es fehlt immer ein halber Jahrgang, weshalb zu den Kindern in der Tabelle noch jene hinzugerechnet werden müssen, die zwischenzeitlich ebenfalls drei

Klagen auf den Kita-Platz - aber wie?

Jahre alt werden. Unterm Strich steht fast in allen Fällen ein Zuwenig, dessen Ausgleich besagte Kreativität verlangt. Im U3-Bereich schwebt Monat da der Ausbau der jüngst von 60 auf 76 Plätze gesteigerten Tagesmutterkapazität des Frau-Mutter-Kind-Vereins vor. Es gebe bereits Verhandlungen, und zwei weitere Frauen seien momentan in der Ausbildung. Auch die Einrichtung weiterer Spielgruppen und der Mini-Kinderbetreuung stehen auf der To-Do-Liste.

In den Kindertagesstätten „waren wir noch nie bei 100 Prozent Bedarfsabdeckung“, sagt Monat. „Und es kann sich ja auch keine Kommune leisten, so viele Plätze zu haben, dass sie bis zu den nächsten Sommerferien alle Kinder aufnehmen kann“. Das sei auch noch akzeptabel, „aber durch diesen immensen Zuwachs hat sich die Situation einfach verändert“. Und ein Ausbau der Ü3-Kapazitäten sei schon deshalb nötig, damit Dreijährige aus den Krabbelstuben wirklich in die Kitas wechseln können und Krippenplätze frei werden.

Kurzfristig möglich, aber eben noch in der Prüfung seien eine weitere Naturkindergartengruppe im Awo-Waldkindergarten, eventuell Nachmittagsgruppen, in denen die Betreuung nur etwa von 13 bis 17 Uhr und ohne Mittagessen läuft und „vorübergehend“ die Vergabe von Kita-Ganztagsplätzen nur an berufstätige Eltern, damit das Ziel der Vereinbarkeit vom Familie und Beruf nicht aus aus dem Blick gerät.

Sicher ist, dass es in Markwalds Müllerweg-Kita eine zusätzliche Gruppe geben wird. Platz dafür wird, wenn der dort momentan ansässige Hort ins neue Betreuungsgebäude auf dem Gelände der Markwaldschule umzieht. Das wird allerdings frühestens in zwei Jahren soweit sein. Ebenfalls langfristig denkbar ist der Ausbau der Kita Raabestraße um bis zu drei Gruppen oder eben eine komplett neue Einrichtung. So oder so könne auch das erst in zwei oder drei Jahren Realität werden. Wichtig sei, „dass es bald passiert. Die Politik muss sich also schnell einig werden.“

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