Was das bunte Katzenauto macht

Der Jaguar obendrauf

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Endlich oben: der Jaguar, den der Künstler Friedhelm Meinaß gestaltet hat.

Mühlheim - Ein Merkmal des Surrealismus liegt darin, Dinge miteinander zu kombinieren, die von sich aus nicht zueinander fänden. Es hängen zum Beispiel keine Taschenuhren über toten Zweigen und Kommoden wie auf Bildern von Salvador Dali. Von Stefan Mangold 

Auch die ziemlich bunt bemalte englische Nobelkarosse, die auf einem Dach im Mühlheimer Gewerbegebiet steht, zählt nun zum Unerwarteten. Auf dem Gelände des Mühlheimer Architekten Frank Winter an der Industriestraße steht seit einer Vernissage ein Jaguar auf einem Flachdach. Der in Rodgau lebende Künstler Friedhelm Meinaß hat das Auto auf seine Art umgestaltet. Auf die Idee, es handele sich um Verschwendung, denn mit der Karre ließe sich doch noch prima durch den Ort kurven, braucht niemand zu kommen.

Der Jaguar war dermaßen unter die Räder von Zeit und Witterung geraten, dass auch gewiefte Bastler nicht in der Lage gewesen wären, das Modell aus den 70er Jahren auf Vordermann zu bringen. Ohnehin ist Friedhelm Meinaß einer der ersten, die wissen, wo Hand anzulegen ist, wenn Hoffnung besteht. Der ehemalige Professor an der Hochschule für Design in Darmstadt kaufte sich mit 21 Jahren, im Jahr 1969, seinen ersten Jaguar. Das Geld hatte er sich mühsam zusammen gespart. Das gebrauchte Auto kostete 3000 Mark. Kein Pappenstiel zu der Zeit.

Es gibt zwei Charaktere von Liebhabern bestimmter Automodelle: Die einen kaufen und überlassen die Restauration einer Werkstatt, die anderen schrauben selbst akribisch. So wie der heute 68-jährige, der seit dem Erwerb von damals die Automarke nicht mehr wechselte und sich stets selbst die Finger ölig macht. Eigentlich hatte Frank Winter (53) vor, das Auto per ADAC-Kran vor den Augen der Besucher der Vernissage auf sein Dach zu hieven. Er war dann jedoch froh, es schon mittags erledigt zu haben, denn „eine Geschichte von fünf Minuten war das nicht gerade“.

Winter, der an der Jean-Monnet-Straße einen Komplex von 16 barrierefreien Wohnungen baute, repräsentiert nicht den Typus von Architekten, dem der Sinn für die Funktion das Auge für die Ästhetik verstellt. Mitte der neunziger Jahre bekam Winter eines der begehrten Stipendien der Bundesrepublik in der römischen Villa Massimo. Wer dort für ein Jahr das Wohnrecht genießt, gilt fortan in den Sparten Literatur, Bildende Kunst, Komposition und Architektur als großes Talent.

007: Jaguar C-X75 für "Spectre"

Winter übernahm das 11.700 Quadratmeter große Grundstück samt Gebäuden vor sechs Jahren von seinem Vater. Hier stand der alte Jaguar, den ein säumiger Mieter hinterlassen hatte, bevor er sich ins Ausland absetzte. Fachmann Friedhelm Meinaß tippt, dass das Auto schon lange vorher alles andere als fahrtüchtig gewesen ist. Erstmal musste Meinaß als Reinigungskraft agieren. Beim Internet-Auktionshaus Ebay hatte er fehlende Seitenfenster ersteigert und eingebaut. Im Inneren, das Mäuse als Toilette benutzen, roch es streng und sah entsprechend aus. Die Motorhaube schloss nicht wirklich, weil sie von einem anderen Modell stammte. Das ließ sich schon farblich erkennen. Anschließend bemalte der Mann, der für Nina Hagen und Wolf Biermann Platten-Cover gestaltet hat, das Auto mit der Sprühdose.

Der Künstler ist kein Freund des nuancierten Graus. Seine organisch gewachsen wirkenden Leinwandmotive charakterisieren kräftige Töne. Sie erinnern zum einen an das Farbspektrum, das ein sonnenbeschienener Ölfleck abbildet, zum anderen an Akkorde, die sich nicht auflösen. Der Jaguar wirkt ähnlich: schrill und keineswegs rein dekorativ. Meinaß und Frank lernten sich über gemeinsame Bekannte kennen. Meinaß hatte gehört, Frank überlege, wie sich ein kaputter Jaguar verwenden ließe. Dann folgte ein Telefonat zwischen Rodgau und Mühlheim. Es sollte nicht wundern, wenn das Duo noch weitere Projekte gestaltet.

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