Den Gitarren hinterher

Rudel-Sing-Sang ist längst Kult

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Zugkräftig: Der „Rudel-Sing-Sang auf Wanderschaft“ hat aus dem Stand 100 entspannte Mitläufer gefunden.

Mühlheim - Als Tom Jet letztes Jahr erstmals zum Rudel-Sing-Sang ins Schanz einlud, hatte er nur den Nebenraum eingeplant. Ein phänomenaler Fehler, der Andrang war gigantisch. Heute erschallt der Lockruf an jedem dritten Dienstag des Monats.

Und auch für weitergehende Experimente ist die Kulturhalle ein gutes Pflaster. Sonntagnachmittag war „Rudel-Sing-Sang auf Wanderschaft“.  Vor der Kulturhalle Schanz steht eine Schlange – Lunchpaketausgabe für die Tour zur Rodaumündung. Für Vegetarier hat Küchenfee Nicole Bauch beim Sandwich in der Tüte einfach den Schinken weggelassen. Überhaupt, einfach: Schanz-Programmmchef Thorsten Bauch sorgt sich zwar, dass er was falsch gemacht hat. Doch er müsste nicht. Der „Rudel-Sing-Sang auf Wanderschaft“, Premiere einer bewegten Variante des Publikumsmagneten, lebt ja davon, dass nichts kompliziert ist. Einfach Tüte schnappen, loslaufen, singen. Wie einst die Fischer-Chöre, nur ohne Choreografie und ohne Gotthilf Fischer, dafür mit Tom Jet.

Bauch macht sich trotzdem so seine Gedanken. Er habe, sinniert er, den hundert Teilnehmern nicht gesagt, dass sie „vorher lieber noch mal Pipi machen“ sollen, weil diskrete Möglichkeiten unterwegs knapp und am Main nur die Büsche sind. Aber das wird, wenn man später mal in die entspannten Gesichter guckt, nicht zum Problem. Im Schanz projiziert Tom Jet die Texte sonst immer an die Wand. Für den „Rudel-Sing-Sang auf Wanderschaft“ gibt Dieter Schmidt, der Bass-Gitarrist in Jets Haus-Band, jedem Mitläufer zwei Zettel Liedtext mit. Schmidt begleitet heute auf der normalen Gitarre, ebenso wie Tom Jet selbst. Ein Verstärker fährt auf ihrem Bollerwagen mit.

Als erstes steht der Klassiker aller deutschen Wanderlieder auf dem Plan, dessen Wahrheitsgehalt spätestens die industrielle Revolution arg relativierte: Das Wandern ist des Müllers Lust. Den Text kennt jeder, jedenfalls den der ersten Strophe, der die Handwerksqualität eines Müllers in Frage stellt, der aufs Wandern keine Lust hat. Bei der zweiten Strophe, „Vom Wasser haben wir‘s gelernt“, müssen die meisten dann doch den Zettel befragen. Anfangs hatte Tom Jet durchs Mikro verlautet, an roten Fußgängerampeln unbedingt zu stoppen. Auf der Offenbacher Straße interpretiert Thorsten Bauch die Straßenverkehrsordnung aber individueller. Die ersten gehen bei Grün rüber. Als es Rot wird, sperrt der Mann im Stil eines Schülerlotsen die Straße, bis alle drüben sind.

Mit dabei ist Ulrike Heng, zusammen mit zwei weiteren Frauen. Sie singen sonst im Obertshausener Jazz-, Rock- & Pop-Chor „Blue Notes“. Bei Tom Jet macht Heng mit, „weil es Spaß macht, mal ohne Dirigat locker loszusingen“. Das gilt sowieso für Stefanie Bräunig. Sonst besucht sie kulturelle Veranstaltungen mit ihrem Lebensgefährten. Für den kommt der Rudel-Sing-Sang jedoch nicht in Frage: „Dem ist es peinlich, wenn ich singe...“

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Übertrieben viele Männer sind nicht mit von der Partie. Karl-Heinz Wenzlaff läuft am Rand und fotografiert. Irgendwo in der Gruppe steckt Gattin Brigitte. Das Paar gehört dem 120 Mitglieder starken Fanclub des allürenfreien und herzlichen Tom Jet an.Die Passanten schauen überrascht und erheitert, als der klangvolle Trupp durch Mühlheim zieht. An der Marktstraße stimmt er „Wochenend‘ und Sonnenschein“ an. Und wer es bis dahin nicht kapierte, der versteht jetzt, warum Rudel-Sing-Sang ein Knüller ist: Eine Frau, die auf dem Fahrrad entgegen kommt, singt genauso textsicher mit wie eine andere, die auf ihrem Balkon sitzt.

Auf der Wiese am Bachkopp spekuliert Ulrike Heng: „Hätten wir jetzt noch alle das Gleiche an, könnte man uns für eine Sekte halten.“ Nachdem beim Picknick die Sandwichs verspeist sind, will Tom Jet Rudi Carells „Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer?“ Die Antwort ist egal. Denn der Rudel-Sing-Sang endet, wie er begonnen hat: in der Halle. man

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