Die Strecke Mühlheim - Paris

Die Herren der Landstraße

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500 Kilometer an einem Tag ist bei den Rennradfahrern vom RC Adler 1899 schon mal drin.

Mühlheim - Eigentlich hätte es am vergangenen Wochenende für den RC Adler 1899 nach Paris gehen sollen, zum Finale der Tour de France, in einem Stück von Mühlheim in die französische Hauptstadt. Natürlich nicht mit dem Auto, sondern auf dem Fahrrad. Von Stefan Mangold

Distanz: 620 Kilometer. Die Geschichte musste verschoben werden. Stattdessen erzählt Thomas Eulenberg von anderen Erlebnissen mit dem Club. Es hätte bestens gepasst, schließlich gewann die prestigeträchtige Schlussetappe mit André Greipel zum vierten Mal hintereinander ein Deutscher. Vor dem Fernseher stellte sich Thomas Eulenberg am Sonntagabend vor, wie es jetzt wäre, mit dem angenehm, erschöpften Gefühl in den Knochen im Anschluss an den Zieleinlauf mit den Mühlheimer Vereinsfreunden an den Champs-Élysées mit einer Essenz im Glas zu sitzen, die das Gemüt noch zusätzlich erhellt.

Doch die Männer des Radfahrclubs (RC) Adler 1899 hatten alles abblasen müssen. Manche waren krank, andere mussten aus beruflichen Gründen von heute auf morgen umdisponieren. Am Ende wären es nur noch Thomas Eulenberg und Stefan Sondergeld gewesen, die sich auf den Weg gemacht hätten, in einem Rutsch. „Zu zweit viel zu hart“, erklärt Eulenberg. Das hängt mit der Physik zusammen, mit dem Luftwiderstand. Den versuchen auch die Zugvögel zu minimieren, in dem sie in bestimmten Formationen fliegen. Das ähnelt dem Anblick von Radrennfahrern bei Seitenwind. Ein Erik Zabel trat sich bei einem Klassiker wie Mailand - San Remo nur für die allerletzten Meter an der Spitze seines Teams.

Beim RC Adler 1899 geht es für niemanden darum, als Erster anzukommen. Nach etwa einem Kilometer lässt sich der Erste auf den letzten Platz fallen. Zu zweit fuhr das Gespann Eulenberg-Sondergeld dennoch schon mal eine Strecke innerhalb eines Tages, für die andere lieber eine Woche einplanen. Von Salzburg nach Mühlheim, ebenfalls kein Pappenstiel. Für die mehr als 500 Kilometer hat das Duo 25 Stunden gebraucht. Eulenberg erzählt von einer Mammutfahrt der Gruppe nach München, von strömenden Regen und strammen Gegenwind. In solchen Momenten geht es neben der Physik vor allen um Psychologie.

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Dann zeige sich, dass am Sinnspruch, der behauptet, durch die Teilung des Leids mit anderen halbiere sich das eigene, tatsächlich etwas dran ist. Überhaupt, die Gruppe. Vor 15 Jahren zog Eulenberg nach Lämmerspiel und fand in unserer Zeitung eine Anzeige des RC Adler. Der suchte weitere Mitstreiter. Die Radler um Günter Kaspar und Friseurmeister Rüdiger Euler nahmen den Neuen ohne Argwohn auf, ohne ihm irgendwie ein Gefühl von ‘mal sehen, was das für einer ist’, zu geben. Seit damals ist der heute 49-Jährige dabei, wie etwa auf einer viertägigen Fahrt von Pfronten im Allgäu an den Gardasee. Dazwischen liegen Hindernisse wie das Stilfser Joch, mit 2757 Meter über dem Meeresspiegel der zweithöchste asphaltierte Pass der Alpen. Ein Schrecken beim Giro d’Italia.

Bei einem solchen Anstieg, der über 1800 Höhenmeter führt, treten die Mühlheimer nicht mehr im Block in die Pedale. Dann fährt jeder sein eigenes Tempo. Von Übel ist es anzuhalten. Denn wieder aufzusteigen, verstärkt die Pein nur noch: „Wichtig ist es, seinen Rhythmus zu finden.“ Irgendwann geht aber wohl fast jedem der hart Gesottenen so etwas durch den schweißnassen Kopf wie, ‘warum mache ich das?’ „Weil es sich niemals so herrlich anfühlte wie nach der Anstrengung“, gibt Eulenberg die Antwort. Und was ist mit Paris? „Wir fahren ganz sicher noch hin.“

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