Marius Katzer unternimmt Ausflüge mit einem geistig behinderten Jugendlichen

Arbeit mit Kindern liegt ihm

Mühlheim - Es sind die ehrenamtlich Engagierten, die eine Gesellschaft zu großen Teilen am Laufen halten: Etwa die Trainer, die sich um ganze Mannschaften kümmern, oder die Feuerwehrleute von den Freiwilligen, die ganze Familien retten. Marius Katzer kümmert sich um einen einzelnen Menschen, den 15-Jährigen Thomas aus Mühlheim. Von Stefan Mangold

Einmal in der Woche fährt der 29 Jahre alte Marius Katzer von der Arbeit in Frankfurt nach Mühlheim und unternimmt etwas mit Thomas F. (Name geändert). Bei dessen Geburt hatte es Komplikationen geben. Ein paar Sekunden Sauerstoffmangel reichen aus, um ein ganzes Leben in komplett andere Bahnen zu lenken. Seitdem ist Thomas geistig behindert. Katzer beschreibt den Jugendlichen als quirlig, lebensfroh und auf dem Entwicklungsstand eines Sechsjährigen. Wenn der ehrenamtliche Betreuer nach dem Klingeln die Treppe hoch steigt, steht Thomas schon erwartungsfroh einen Fuß schlenkernd am Geländer vor der Wohnungstüre. Anschließend geht Katzer mit Thomas raus, zum Fußballspielen, ins Schwimmbad oder mit der S-Bahn nach Frankfurt ins Kino. „Ich überlege mir schon die Tage zuvor ein Programm“, sagt Katzer.

Ehrenamtliches Engagement war für ihn nichts Neues. Mit seiner Ehefrau Carolin bereitete er in jüngeren Jahren in seiner katholischen Gemeinde in Hanau Kinder auf die Firmung vor. Außerdem trainierte Katzer mehrere Jahre Jugendliche in einer Sportart, mit der den feinfühlig wirkenden Mann kaum jemand automatisch in Verbindung bringen dürfte: Katzer besitzt den C-Schein als Boxtrainer. Berufsbedingt konnte der Landschaftsarchitekt beim TFC-Steinheim jedoch irgendwann nicht mehr weiter am Ring stehen.

Der Gedanke, sich um einen behinderten Menschen zu kümmern, kam Katzer über einen Freund, der ihm die Telefonnummer der Behindertenhilfe in Stadt und Kreis Offenbach gab. Mit Peter Panthöfer vom ambulanten Dienst machte er einen Termin aus. Mit ihm besprach er, was er sich vorstellen könne. Aus seinen Erfahrungen mit der Arbeit in der Kirche und im Boxclub wusste Katzer, „dass mir die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen liegt“. Vor dem ersten Treffen mit dem damals 11-Jährigen Thomas, der bei seiner Mutter lebt, sei er nervös gewesen. Schließlich hatte er bis dahin mit geistig Behinderten noch keine nennenswerten Berührungen. Als Katzer die ersten Male mit Thomas unterwegs war, „habe ich noch darauf geachtet, ob und wie die Leute gucken“. Längst registriert er das nur noch am Rande.

Am Gang lässt sich die geistige Behinderung von Thomas vermuten. Katzer beobachtet an ihm Eigenschaften, die Autisten zugerechnet werden. Der an Fußball interessierte Junge, der häufig mit seinem Vater zu Spielen der Kickers ins Stadion geht, kann sich die Ergebnisse wesentlich besser merken als Katzer, der sich regelmäßig von Thomas korrigieren lassen muss.

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Wenn der 15-Jährige in der S-Bahn sitzt und schweigt, lässt sich seine geistige Behinderung an dessen Physiognomie nicht erkennen. Einmal hielt Katzer deshalb die die Luft an, dass ein Passant nicht etwas in den falschen Hals bekommt. „Das Verständnis von Thomas für Begriffe deckt sich oft nicht mit dem der Mehrheit“, erklärt der Hanauer. Das Substantiv „Mutter“ zum Beispiel steht für Thomas nicht in erster Linie für eine Frau, die ein Kind zur Welt gebracht hat, „Mutter“ gilt ihm prinzipiell als positiver Wert.

Auf einer gemeinsamen Fahrt stieg einmal ein wuchtiger, groß gewachsener Mann in die Bahn ein. Seine Weste zierte das Emblem eines Motorradclubs, dessen Mitglieder kaum für einen hohen Grad an Frustrationstoleranz stehen. Irgendwie gefiel Thomas das Erscheinungsbild des Mannes. Der Jugendliche zeigte auf ihn und rief aus: „Das ist meine Mutter!“ Der Rocker verstand offensichtlich den Moment und lächelte lediglich milde.

Der Begriff „Projekt“ kommt auch auf dem Feld des Ehrenamts in den letzten Jahren zunehmend in Mode. Im Anfang liegt allerdings auch schon das Ende. Sich so wie Marius Katzer um einen Menschen zu kümmern, kann kein Projekt sein: „Niemand kann sagen, wie lange Thomas und ich uns noch treffen.“

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