Wo am Galgen Böse baumelten und Kinder rodelten

Das Mücken-Festmahl

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Das Früher und das Heute. Der Vergleich mit Fotohilfe verhalf zu mancher Erkenntnis.

Mühlheim - Wozu eigentlich Märchenfilme, wenn die echte Sagenwelt vor der Tür liegt. Eben. Mühlheim ist reich an Orten, um die sich Legenden ranken – die heute allerdings kaum noch jemand findet. Aber zum Glück gibt’s Günter Schmitt und Horst Baier. Die Historiker zeigen im Wald Stellen, die oft nur vom Hörensagen bekannt sind.

Den Rücken entblößt dreimal um den Galgen und dabei heftige Rutenhiebe in Empfang nehmen. Dann ein heißes Stempeleisen auf die Haut, das als Verbrecher brandmarkt – und über den Main des Landes verwiesen werden. Und das war nur die Strafe für eine Mittäterin! Der Anstifter des Verbrechens war der letzte Verurteilte, der anno 1734 am Steinheimer Galgen gehängt wurde. Clomann soll er geheißen haben, hat Günter Schmitt von den Mühlheimer Hobby-Historikern recherchiert. Clomann hatte es mit seinen Kompagnons – einer konnte fliehen – auf eine Kutsche abgesehen, die unterwegs zur Frankfurter Messe war. Die Beute: ein Koffer. Für den Missetäter wurde am Galgen eigens ein neuer Querbalken eingelegt, vermerkt die Chronik. Es dauert lange, bis so eine Gruselgeschichte leicht über die Lippen geht. Dann aber findet sie Zuhörer. Mehr als 30 Mühlheimer folgten der Einladung, markante Orte im Wald östlich von Lämmerspiel kennenzulernen.

Erste Adresse war da natürlich die Steinkaute. Viele Teilnehmer in der Runde kannten den Platz nicht, haben nie auf einer der legendären Vatertagsfeiern Bier unter Bäumen genossen. Mittlerweile ist alles zugewachsen, zeigte Wanderführer Horst Baier. Als die Mitglieder der Fußballteams und des Gesangvereins noch jünger waren, schleppten sie die komplette Infrastruktur in den Forst. Und wehe, wenn’s vorher tagelang geregnet hatte und die Kaute im Matsch zu versinken drohte - Heerscharen von Mücken hatten ein Festmahl!

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Beliebt war die Gegend aber auch beim Nachwuchs. Im Winter zogen die Kinder zum einzigen stattlichen Hügel weit und breit, der zum Rodeln taugte. Baier hatte ein paar Schwarzweiß-Fotos vergrößert. Sie zeigen auch Pfadfinder, die sich in den 1950er Jahren regelmäßig in der Mulde trafen. Die entstand wohl schon in der Eiszeit, als Basaltgestein durch die Witterung gesprengt wurde. Aus den Steinen wurde das erste Lämmerspieler Kirchlein gebaut. Häuser aus dem Material findet man im Ort kaum noch, weil die meisten verputzt sind. Beim Käselädchen aber ist der Basalt auf der Innenseite freigelegt.

Die Quelle in der Steinkaute hat sich im Laufe der Jahre durch Trockenheit gen Westen verschoben. Derzeit beginnt das Rinnsal direkt unter der steinernen Brücke, der einstigen Verbindung über den Berg nach Dietesheim. Das Wasser selbst hätte Lämmerspiel fast zum Kurort erheben können, berichtete Schmitt von einer Analyse. Nach einer „kleinen Eiszeit“ im 16. und 17. Jahrhundert gediehen auf dem „Kahlen Berg“ keine Trauben mehr, das Bistum Mainz ordnete an, Äpfel-, Pflaumen- und Birnenbäume zu setzen. Erst seit den 1990ern lassen Hobby-Weinbauern wieder Stöcke gedeihen.

Einige Buben von damals kennen noch die „Sternschnuppe“, einen Fels, der sich als Kalzedonstein entpuppte. Die Lehrer hatten versprochen, dass an dem Stein Wünsche in Erfüllung gingen, erzählte Schmitt. „Wir Kinder haben daran geglaubt.“ 

M.

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